Unsre gute Tat gib uns täglich
Ein Schlüsselbund wird abgegeben an der Zoo-Kasse. Es kommt wesentlich häufiger vor als man annimmt, dass Fundsachen abgegeben werden und beileibe nicht immer wertlose. Wir hatten schon Digitalkameras für hunderte von Euro hier und gut gefüllte Brieftaschen. Das Schlüsselbund jetzt ist auch nicht gerade wertlos. Etliche Sicherheitsschlüssel, ein Tresorschlüssel und noch einige Spezialitäten des Verrammelgewerbes; alles in allem ein gutes Viertelkilo Stahl. Und noch ein zweites, ein Bündchen mit Ledertasche, auf dem „Garten“ steht.
„Ich habs auf der Bank gefunden.“ Der Mann weist unbestimmt die Richtung. „Im Park drüben, gleich auf der ersten Bank. Hat wohl jemand da abgelegt.“
Zuerst verstehe ich nicht ganz. Denn eigentlich müsse ich jetzt ein Fundsachenprotokoll aufnehmen, mit seinem Namen und Adresse und Fundortangaben, wahrscheinlich noch ein Wetterbericht oder sonst was. Ich weiß im Moment nicht, wo die Wische liegen und wie man die ausfüllt und so lange will er auch nicht warten. Ein junger Mann ist es, noch nicht dreißig. Unauffällig, flüchtiges Lächeln. Er hat es eilig.
Na gut, denn. Wir haben eine Schublade für wertvollere Sachen. Mützen, Schals, Spielzeug und ähnlicher Tinnef wandert in Pappkartons, von denen wir schon viel zu viele haben. Ich schreibe einen Zettel dazu, vielleicht meldet sich ja jemand.
Ein Tag später. Der Dienst war ruhig und ich ziehe per Zufall die Schublade auf, um nach meinem Zettel zu sehen. Der Kollege steht daneben und ich erzähle die Begebenheit.
„Mist“, sagt er. „Da hat doch gestern einer angerufen wegen Schlüsseln. Sind Geschäftsschlüssel, der Typ war am heulen, echt. Aber er hat ne Tasche verloren, hat er gesagt, deshalb…Mensch, die hängen dem ne Schadenersatzklage an, wenn er die nicht wiederkriegt.“
Was tun?
Ich bin nicht so bewandert, der Kollege zum Glück doch. Auf vielen der Sicherheitsschlüssel sind Nummern eingeschlagen, wir entdecken sogar eine Firmenadresse. Und eine Telefonnummer. Sogar nach achtzehn Uhr geht da noch jemand ran.
„Ja, das ist ein Schlüssel von uns…Ich kann ihnen aber wirklich keine Angaben…“
Na klar kann er nicht. Datenschutz. Und es ist Freitagabend. Jemand hat da gleich ein ziemlich banges Wochenende vor sich.
„Und wenn ich ihnen die Schlüsselnummer durchgebe, könnten sie dann versuchen, jemanden zu erreichen?“
„Die Nummer gehört zum Bestand einer Wohnungsgesellschaft. Wenn dort noch jemand da ist oder die eine Notrufnummer haben…vielleicht. Ich werd sehen, was sich machen lässt.“
„Okay. Wäre gut. Das sieht wirklich wichtig aus hier.“
Wir legen auf. Dann fällt mir ein, wie blödsinnig das ist.
„Hallo, der Zoo noch mal.“
„Hm?“
„Und wenn ich ihnen den Schlüssel vorbeibringe? Der Kunde wird doch sicher bei ihnen in der Nähe wohnen und mein Weg führt auch direkt an ihrem Laden vorbei. Aber ich komme erst nach neun abends hier weg. Haben sie morgen geöffnet?“
„Ja. Bis zwölf“.
„Okay, dann bis morgen.“
„Bis morgen.“
Heute war morgen. Und als praktizierender Langschläfer halte ich nach Möglichkeit einen Brunch-Schlaf. Also bis Mittag. Verdammt.
„Schlüsseldienst Müller?“
„Ja, ich hier. Das Riesenschlüsselbund, sie erinnern sich?“
„Oh ja. Der Kunde war schon dreimal da, heute früh gleich als erstes. Kommen sie noch vorbei?“
„Bin schon unterwegs.“
„Okay, ich warte dann hier.“
Zehn nach zwölf war ich da. Der Laden noch offen, der Inhaber völlig gelassen hinter dem Tresen. Ich lege die Schlüssel auf den Tisch.
„Ich hab ihn angerufen, er kommt dann gleich noch.“
„Alles klar. Tschüss.“
Ich muss noch einkaufen. Und wach bin ich auch nicht so richtig. Typisch Nachtmensch. Abgang.
Sicher wäre es einfacher gegangen, irgendwie. Mit mehr Nachdenken vielleicht, okay. Beim nächsten Mal.
Merkenswert scheint mir nur, dass keiner der Beteiligten es irgendwie für nötig hielt, seinen Namen zu vermerken oder so. Man tat, was nötig war, steuerte bei, was man konnte und wusste. Wenn sich also irgendwer irgendwann fragt, was diese Gesellschaft hier noch zusammenhält, dann sind das Leute wie die da.
„Ich habs auf der Bank gefunden.“ Der Mann weist unbestimmt die Richtung. „Im Park drüben, gleich auf der ersten Bank. Hat wohl jemand da abgelegt.“
Zuerst verstehe ich nicht ganz. Denn eigentlich müsse ich jetzt ein Fundsachenprotokoll aufnehmen, mit seinem Namen und Adresse und Fundortangaben, wahrscheinlich noch ein Wetterbericht oder sonst was. Ich weiß im Moment nicht, wo die Wische liegen und wie man die ausfüllt und so lange will er auch nicht warten. Ein junger Mann ist es, noch nicht dreißig. Unauffällig, flüchtiges Lächeln. Er hat es eilig.
Na gut, denn. Wir haben eine Schublade für wertvollere Sachen. Mützen, Schals, Spielzeug und ähnlicher Tinnef wandert in Pappkartons, von denen wir schon viel zu viele haben. Ich schreibe einen Zettel dazu, vielleicht meldet sich ja jemand.
Ein Tag später. Der Dienst war ruhig und ich ziehe per Zufall die Schublade auf, um nach meinem Zettel zu sehen. Der Kollege steht daneben und ich erzähle die Begebenheit.
„Mist“, sagt er. „Da hat doch gestern einer angerufen wegen Schlüsseln. Sind Geschäftsschlüssel, der Typ war am heulen, echt. Aber er hat ne Tasche verloren, hat er gesagt, deshalb…Mensch, die hängen dem ne Schadenersatzklage an, wenn er die nicht wiederkriegt.“
Was tun?
Ich bin nicht so bewandert, der Kollege zum Glück doch. Auf vielen der Sicherheitsschlüssel sind Nummern eingeschlagen, wir entdecken sogar eine Firmenadresse. Und eine Telefonnummer. Sogar nach achtzehn Uhr geht da noch jemand ran.
„Ja, das ist ein Schlüssel von uns…Ich kann ihnen aber wirklich keine Angaben…“
Na klar kann er nicht. Datenschutz. Und es ist Freitagabend. Jemand hat da gleich ein ziemlich banges Wochenende vor sich.
„Und wenn ich ihnen die Schlüsselnummer durchgebe, könnten sie dann versuchen, jemanden zu erreichen?“
„Die Nummer gehört zum Bestand einer Wohnungsgesellschaft. Wenn dort noch jemand da ist oder die eine Notrufnummer haben…vielleicht. Ich werd sehen, was sich machen lässt.“
„Okay. Wäre gut. Das sieht wirklich wichtig aus hier.“
Wir legen auf. Dann fällt mir ein, wie blödsinnig das ist.
„Hallo, der Zoo noch mal.“
„Hm?“
„Und wenn ich ihnen den Schlüssel vorbeibringe? Der Kunde wird doch sicher bei ihnen in der Nähe wohnen und mein Weg führt auch direkt an ihrem Laden vorbei. Aber ich komme erst nach neun abends hier weg. Haben sie morgen geöffnet?“
„Ja. Bis zwölf“.
„Okay, dann bis morgen.“
„Bis morgen.“
Heute war morgen. Und als praktizierender Langschläfer halte ich nach Möglichkeit einen Brunch-Schlaf. Also bis Mittag. Verdammt.
„Schlüsseldienst Müller?“
„Ja, ich hier. Das Riesenschlüsselbund, sie erinnern sich?“
„Oh ja. Der Kunde war schon dreimal da, heute früh gleich als erstes. Kommen sie noch vorbei?“
„Bin schon unterwegs.“
„Okay, ich warte dann hier.“
Zehn nach zwölf war ich da. Der Laden noch offen, der Inhaber völlig gelassen hinter dem Tresen. Ich lege die Schlüssel auf den Tisch.
„Ich hab ihn angerufen, er kommt dann gleich noch.“
„Alles klar. Tschüss.“
Ich muss noch einkaufen. Und wach bin ich auch nicht so richtig. Typisch Nachtmensch. Abgang.
Sicher wäre es einfacher gegangen, irgendwie. Mit mehr Nachdenken vielleicht, okay. Beim nächsten Mal.
Merkenswert scheint mir nur, dass keiner der Beteiligten es irgendwie für nötig hielt, seinen Namen zu vermerken oder so. Man tat, was nötig war, steuerte bei, was man konnte und wusste. Wenn sich also irgendwer irgendwann fragt, was diese Gesellschaft hier noch zusammenhält, dann sind das Leute wie die da.
Remington - 26. Apr, 16:16
