Kreisch-Krieg
Ich liebe Stille. Und hier im Blog wird auch ein paar Tage Stille herrschen, denn zu Pfingsten wird ein Superwetter und uns werden im Zoo die Leute nur so über den Haufen rennen. Da bleib wohl kaum Kraft übrig. Umso mehr genieße ich die Ruhe vor dem Sturm und meine letzte stille Spätschicht. Alles ist verschlossen und verrammelt, ich habe einen wunderbaren ruhigen Spaziergang durchs Gelände hinter mir. Sarah, die alte Löwin, hat ihren Abendbrüller schon losgelassen und ich tippe ein wenig vor mich hin. Ruhe ist was Feines.
Aus der Tropenhalle des Afrikahauses kommt noch ein wenig Hintergrundgeräusch. Die Elefanten klappern mit ihren Spielbäumen herum, die Horde Spatzen, die sich eingeschlichen hat und für die es extra eine Spatzenfalle gibt (eine Lebendfalle natürlich) kreischt ihren Abendsong. Und dann gibt es noch einen Vogel da drin, der eine sehr laute und eigenwillige Stimme hat, die er auch ertönen lässt. Das klingt ungefähr so:
„diedeldiedeldiedelmiepmiepmiepTübTübTübTSCHÜIEP!“
Ich habe keine Ahnung, wie das Viech heißt. Er ist ziemlich unscheinbar und eigentlich sieht man ihn auch nie, aber der Ruf ist unverkennbar. Er hält immer den gleichen Rhythmus ein, variiert aber den Inhalt. Auch die Tonlage ist immer die gleiche, nur die Lautstärke nimmt zum Ende hin kontinuierlich zu. Da ist er wieder:
„ningelningelningelbiepbiepbiepQuäkQuäkQuäkQUIEEEEK!“
Ganz schön laut heute, fällt mir gerade auf. Und eigentlich…
„biddlbiddlbiddlfiepfiepfiepnagnagnagQUÄÄÄK!“
Das Nervige ist, dass er nicht regelmäßig ruft. Da sitzt man da und hat was geschrieben, konzentriert sich auf den nächsten Satz, erfasst gerade die ersten Worte, hat schon eine Fortsetzung im Hirn, die Finger greifen nach den Tasten, ja, das wird gut werden, man lacht, die Formulierung sitzt, nur noch eine kleine…
„düddldüddldüddlbüpbüpbüpQuiekQuiekQuiekFIEEEP!“
Weg, alles weg. Jetzt fällt mir auch auf, das Geschrei ist viel zu laut. Zu nahe. Die Akustik in der Eingangshalle ist hervorragend, eine Vier-Kopf-Kindergruppe erreicht locker den Kreischfaktor eine Bill-Kaulitz-Gedächtnis-Riege frisch menstruierender Möchtegerngroupies. Da wird doch nicht…
„fillefillefillegieggieggiegQuaQuaQuaKräääh!“
Da oben sitzt er. Auf der Lampe. Mitten in der Eingangshalle. Hockt da rum und trillert wie durchgeknallt. Die Akustik scheint ihm zu gefallen. Das darf doch nicht wahr sein.
„dubbldubbldubblmupmupmupFühFühFühFIEEE!“
Ich stehe unter ihm und starre hinauf. Er sieht wirklich ziemlich unauffällig aus. Etwa Amselgröße, aber erdbraun. Zwei Füße, Schwanz, Flügel, ein völlig normaler Vogel halt. Ich hab Vögel wirklich sehr gerne, am liebsten im Schnellkochtopf. Einen Schnabel hat er auch und jetzt, wo ich zu ihm hochstarre, hält er ihn natürlich. Obwohl er mich gar nicht zu bemerken scheint, weiß er anscheinend genau, wie er mich ärgern kann. Er erledigt meine geliebte Stille so unbarmherzig wie eine Kettensäge ein Papiertaschentuch.
Aber jetzt schweigt er.
Ich kann nicht viel machen. Irgendwie ist er hier reingeraten, irgendwie muss er wieder raus. Ich öffne die Türen zur Tropenhalle erneut, lasse sie sperrangelweit offen. Irgendwann wird er schon wieder reinflattern. Wo war ich stehen geblieben? Aha. Ja. Alles noch mal durchlesen. Moment, hier muss noch…
„dilledilledilleniegniegniegKrahKrahKrahKRIEEEG!“
Okay. Jetzt reichts. Wenn er seinen Krieg haben will, dann soll er seinen Krieg kriegen!
Im Aufspringen ist der Schlachtplan entworfen. Aus Aktenabfall werden schnell einige Marschflugkörper zusammengeknüllt, die Flugbahnen berechnet. Ich muss aufpassen, dass nichts in den Pflanzkübeln landet, sonst muss ich das da rausklauben, das ist dieses Vieh nicht wert. Schon der erste Wurf scheucht ihn von der Lampe und verändert sein Repertoire entscheidend. Allerdings auch die Lautstärke.
„MIEP!!FIEP!!QUIEK!!“
Wenn ich’s nicht besser wüsste, ich würde ihn für ein fliegendes Schwein halten.
Flatterflatterflatter. Ein letztes „Qieek!“, dann geht ihm die Luft aus. Kleine Vögel sind schnell außer Atem. Ich werfe meine Bälle vorsichtig an ihm vorbei, ein Treffer wäre nur Zufall und ich will ihn ja nur in sein Afrikahaus zurückscheuchen. Aber irgendwie misstraut er offenen Türen. Oder aber sein Winzgehirn erkennt gar nicht, dass da etwas offen ist. „MIEP!FIEP!“ Bumm. Ach du dickes Ei. Der Kreischkamikaze ist volle Kanne gegen die Scheibe des Nackmullgeheges gedonnert.
„Flüüp.“ Flappflapp. Fliegen ist wohl nicht mehr. Er hat leichte Schlagseite. Mir wird bammelig. Immerhin ist hier schon ein Kollege gefeuert worden, weil er coram publico eine Kakerlake zerlatscht hat. Mit zwei schnellen Schritten bin ich ran, er flappt noch mal weg, aber dann habe ich ihn.
Vorsichtig, Vogelknochen brechen leicht. Er hackt mich ein bisschen, aber viel Kraft ist da nicht mehr. Kein Wunder nach der Hetzerei. Und den Schnabel hält er natürlich auch. Ich trage ihn hinüber.
Die Stiege hinauf auf die Holzbrücke, dort oben hat er immer gesessen. Ich setze ihn auf einem Pfeiler ab und immerhin kann er schon wieder alleine stehen. Zwei Schritte zurück, wir beäugen uns. Dann wirft er sich in die Luft, noch etwas taumelig flattert er davon und kracht in einen Busch. Ich höre nichts zu Boden fallen, also wird er sich wohl irgendwo festgekrallt haben. Und wahrscheinlich mit seinem Anwalt telefonieren.
Wieder am Computer stelle ich fest, dass es Zeit für die zweite Runde ist. Als ich zurückkomme, ist die Zeit des Abendliedes wohl vorbei, im Afrikahaus lärmen nur noch die Spatzen. Oder?
„Füüp. Diedeldü. Miep.“
Kümmerlich, verglichen mit seinen früheren Darbietungen. Und seine Melodie scheint er auch verloren zu haben. Ich hab da doch hoffentlich kein Trauma ausgelöst, oder?
Aus der Tropenhalle des Afrikahauses kommt noch ein wenig Hintergrundgeräusch. Die Elefanten klappern mit ihren Spielbäumen herum, die Horde Spatzen, die sich eingeschlichen hat und für die es extra eine Spatzenfalle gibt (eine Lebendfalle natürlich) kreischt ihren Abendsong. Und dann gibt es noch einen Vogel da drin, der eine sehr laute und eigenwillige Stimme hat, die er auch ertönen lässt. Das klingt ungefähr so:
„diedeldiedeldiedelmiepmiepmiepTübTübTübTSCHÜIEP!“
Ich habe keine Ahnung, wie das Viech heißt. Er ist ziemlich unscheinbar und eigentlich sieht man ihn auch nie, aber der Ruf ist unverkennbar. Er hält immer den gleichen Rhythmus ein, variiert aber den Inhalt. Auch die Tonlage ist immer die gleiche, nur die Lautstärke nimmt zum Ende hin kontinuierlich zu. Da ist er wieder:
„ningelningelningelbiepbiepbiepQuäkQuäkQuäkQUIEEEEK!“
Ganz schön laut heute, fällt mir gerade auf. Und eigentlich…
„biddlbiddlbiddlfiepfiepfiepnagnagnagQUÄÄÄK!“
Das Nervige ist, dass er nicht regelmäßig ruft. Da sitzt man da und hat was geschrieben, konzentriert sich auf den nächsten Satz, erfasst gerade die ersten Worte, hat schon eine Fortsetzung im Hirn, die Finger greifen nach den Tasten, ja, das wird gut werden, man lacht, die Formulierung sitzt, nur noch eine kleine…
„düddldüddldüddlbüpbüpbüpQuiekQuiekQuiekFIEEEP!“
Weg, alles weg. Jetzt fällt mir auch auf, das Geschrei ist viel zu laut. Zu nahe. Die Akustik in der Eingangshalle ist hervorragend, eine Vier-Kopf-Kindergruppe erreicht locker den Kreischfaktor eine Bill-Kaulitz-Gedächtnis-Riege frisch menstruierender Möchtegerngroupies. Da wird doch nicht…
„fillefillefillegieggieggiegQuaQuaQuaKräääh!“
Da oben sitzt er. Auf der Lampe. Mitten in der Eingangshalle. Hockt da rum und trillert wie durchgeknallt. Die Akustik scheint ihm zu gefallen. Das darf doch nicht wahr sein.
„dubbldubbldubblmupmupmupFühFühFühFIEEE!“
Ich stehe unter ihm und starre hinauf. Er sieht wirklich ziemlich unauffällig aus. Etwa Amselgröße, aber erdbraun. Zwei Füße, Schwanz, Flügel, ein völlig normaler Vogel halt. Ich hab Vögel wirklich sehr gerne, am liebsten im Schnellkochtopf. Einen Schnabel hat er auch und jetzt, wo ich zu ihm hochstarre, hält er ihn natürlich. Obwohl er mich gar nicht zu bemerken scheint, weiß er anscheinend genau, wie er mich ärgern kann. Er erledigt meine geliebte Stille so unbarmherzig wie eine Kettensäge ein Papiertaschentuch.
Aber jetzt schweigt er.
Ich kann nicht viel machen. Irgendwie ist er hier reingeraten, irgendwie muss er wieder raus. Ich öffne die Türen zur Tropenhalle erneut, lasse sie sperrangelweit offen. Irgendwann wird er schon wieder reinflattern. Wo war ich stehen geblieben? Aha. Ja. Alles noch mal durchlesen. Moment, hier muss noch…
„dilledilledilleniegniegniegKrahKrahKrahKRIEEEG!“
Okay. Jetzt reichts. Wenn er seinen Krieg haben will, dann soll er seinen Krieg kriegen!
Im Aufspringen ist der Schlachtplan entworfen. Aus Aktenabfall werden schnell einige Marschflugkörper zusammengeknüllt, die Flugbahnen berechnet. Ich muss aufpassen, dass nichts in den Pflanzkübeln landet, sonst muss ich das da rausklauben, das ist dieses Vieh nicht wert. Schon der erste Wurf scheucht ihn von der Lampe und verändert sein Repertoire entscheidend. Allerdings auch die Lautstärke.
„MIEP!!FIEP!!QUIEK!!“
Wenn ich’s nicht besser wüsste, ich würde ihn für ein fliegendes Schwein halten.
Flatterflatterflatter. Ein letztes „Qieek!“, dann geht ihm die Luft aus. Kleine Vögel sind schnell außer Atem. Ich werfe meine Bälle vorsichtig an ihm vorbei, ein Treffer wäre nur Zufall und ich will ihn ja nur in sein Afrikahaus zurückscheuchen. Aber irgendwie misstraut er offenen Türen. Oder aber sein Winzgehirn erkennt gar nicht, dass da etwas offen ist. „MIEP!FIEP!“ Bumm. Ach du dickes Ei. Der Kreischkamikaze ist volle Kanne gegen die Scheibe des Nackmullgeheges gedonnert.
„Flüüp.“ Flappflapp. Fliegen ist wohl nicht mehr. Er hat leichte Schlagseite. Mir wird bammelig. Immerhin ist hier schon ein Kollege gefeuert worden, weil er coram publico eine Kakerlake zerlatscht hat. Mit zwei schnellen Schritten bin ich ran, er flappt noch mal weg, aber dann habe ich ihn.
Vorsichtig, Vogelknochen brechen leicht. Er hackt mich ein bisschen, aber viel Kraft ist da nicht mehr. Kein Wunder nach der Hetzerei. Und den Schnabel hält er natürlich auch. Ich trage ihn hinüber.
Die Stiege hinauf auf die Holzbrücke, dort oben hat er immer gesessen. Ich setze ihn auf einem Pfeiler ab und immerhin kann er schon wieder alleine stehen. Zwei Schritte zurück, wir beäugen uns. Dann wirft er sich in die Luft, noch etwas taumelig flattert er davon und kracht in einen Busch. Ich höre nichts zu Boden fallen, also wird er sich wohl irgendwo festgekrallt haben. Und wahrscheinlich mit seinem Anwalt telefonieren.
Wieder am Computer stelle ich fest, dass es Zeit für die zweite Runde ist. Als ich zurückkomme, ist die Zeit des Abendliedes wohl vorbei, im Afrikahaus lärmen nur noch die Spatzen. Oder?
„Füüp. Diedeldü. Miep.“
Kümmerlich, verglichen mit seinen früheren Darbietungen. Und seine Melodie scheint er auch verloren zu haben. Ich hab da doch hoffentlich kein Trauma ausgelöst, oder?
Remington - 9. Mai, 00:31
