Papa Peinlich
Der kleine Junge schnieft. Er sitzt uns in der Straßenbahn gegenüber, neben seiner Mutter, die ihm schon zum dritten Mal ein neues Tempo in die Hand gedrückt hat. Er ist vielleicht sieben und hält das Papiertaschentuch auch brav fest und wischt ab und an damit über die kleine rote Nase. Ansonsten schnieft er lieber.
Töchterchen hat den Kopf an meiner Schulter, wir haben uns lange nicht gesehen.
"Weißt du, wie das funktioniert?"
Ich muss nicht laut sprechen, wir sind uns nahe.
"Hm?"
Sie richtet sich auf, sieht mich an, dann den Kleinen, der im richtigen Moment wieder schnieft.
"Was denn?"
Ich mache ein feines Lächeln aus meinem schmutzigen Grinsen.
"Das mit der Nase", sage ich.
Der Kleine blickt auf, dann duckt er sich noch ein bißchen tiefer. Seine Mutter ist zum Glück abgelenkt und leise ist es ringsum auch nicht. Gute Gelegenheit für einen Vortrag.
"Also, das funktioniert so..."
Das Notizbuch ist zum Glück greifbar, der Bleistift steckt wie immer drin. Ich zeichne eine grob erkennbare Nase.
"Das ist der obere Atemweg...hier ist die Speiseröhre...das hier die Lunge...wie die Klappe hier heißt, weiß ich nicht..."
Töchterchen beugt sich gespannt über mich.
"Und hier an der Nasenwand sitzen Schleimdrüsen..."
Sie schüttelt sich nicht direkt, aber ich spüre es.
"Schl..."
"Jaja", sage ich schnell
"Wenn du durch die Nase atmest, wird die Atemluft erwärmt und gleichzeitig angefeuchtet, damit sie die Lunge nicht schockt. Was du einatmest, kann ja kalt und trocken und dreckig sein. Und damit die Lunge nicht erschreckt, geht alles durch den Nasenfilter. Wenn du normal atmest jedenfalls. Klar?"
"Klar." Sie hat begriffen. Sogar sehr genau, wie ich gleich feststelle. Denn sie wirft keinen einzigen Blick zu dem Jungen.
"Aber der Nasenschleim hat noch eine andere Funktion", fahre ich geschäftig fort. Auch für mich ist der Kleine gar nicht da. Und ringsum ist es immer noch laut.
"In der Luft sind nämlich auch Krankheitskeime. Und die bleiben normalerweise am feuchten Nasenschleim kleben. Nicht alle, aber viele."
"Aha." Jetzt riskiert sie doch einen Blick. Der Kleine starrt angestrengt aus dem Fenster. Man merkt ihm an, wie er gegen den Schniefreflex ankämpft, aber die Welt da draußen ist zu ablenkend und lauschen muss er ja auch noch. Und unbeteiligt tun. Ziemlicher Stress für einen kleinen Jungen. Schnief. Töchterchen bleibt eiskalt. Irgendwas knufft mich in die Seite. Ach ja.
"Naja, der Nasenschleim wird ja ständig erneuert, also von den Schleimdrüsen hier." Ich male ein paar Punkte auf die Zeichnung, aber die ist nicht mehr wichtig. "Wenn also ständig neuer Schleim entsteht, muss der alte weg. Und von alleine fließt sich das schlecht in einer Nase, die ständig bewegt wird. Also..."
"Wird geschnieft."
Mann, ich bin stolz auf meine Tochter.
"Richtig. Und was passiert mit dem Schleim, wenn du schniefst?"
Jetzt ist auch die Mutter aufmerksam geworden, aber es ist zu spät. Ich kann sogar lauter werden, wer jetzt noch eingreift, macht sich voll zum Deppen. Und außerdem rede ich ja nur mit meiner Tochter. Oder?
"Du schluckst ihn runter." Ich will ihr die peinliche Antwort ersparen. Und rede schnell weiter.
"Und nun kommt dein Immunsystem und fragt sich, was soll der Keim im Schleim."
Tja, wenn ich einmal in Fahrt bin...
"Also wird er vernichtet..."
Gelegenheit, ein paar Krakel auf der Zeichnung mit wilden Strichen ans Kreuz zu nageln.
"Schlussfolgerung?" Die Frage ist rhetorisch. "Dein Immunsystem vernichtet die Krankheitskeime, die du einschniefst. Und je mehr das sind, desto besser lernt es, mit denen umzugehen. Deshalb gibt es den Schniefreflex. Wir schniefen, das Dreckzeug geht rein, das Immunsystem lernt und wir werden nicht mehr von jedem Mist krank. Kapiert?"
"Und warum niesen wir dann?"
Miststück. Ich schaue sie entrüstet an.
"Na, was zuviel ist, ist eben zuviel."
Es wäre zu schön, wenn der Kleine jetzt niesen würde, aber das tut er nicht. Er starrt mich entgeistert an und eine kleine Rotzspur bahnt sich unter seinen Nüstern den Weg in die dafür vorgesehene Rinne. Ich zwinkere ihm zu und er erinnert sich an das Taschentuch in seiner Faust. Schnnnuuuurrrrfff!!
"Und deshalb schniefen wir", vollende ich meinen Vortrag. Aber ich kann´s nicht lassen.
"Und deshalb fressen wir auch so gerne Popel." Jetzt sehe ich dem Kleinen mit aufgerissenen Augen direkt ins Gesicht.
AusAusAus. Nicki hopst hoch, zerrt mich zum Ausgang, innerhalb von zwei Sekunden sind wir draußen. Ich sehe sie etwas erstaunt an, ihr Kraftaufwand war beträchtlich.
"Papa!"
"Hrm?"
"Also wirklich." Ihr Gesicht ist nicht gerade ladylike. Eher wutverzerrt. Meine Plomben knacken, aber ich halte meine Miene.
"Also was?"
"Papa, du bist ´ne Sau..." Der Rest geht im Gelächter unter.
Also, ich bin mir keiner Schuld bewusst...
Töchterchen hat den Kopf an meiner Schulter, wir haben uns lange nicht gesehen.
"Weißt du, wie das funktioniert?"
Ich muss nicht laut sprechen, wir sind uns nahe.
"Hm?"
Sie richtet sich auf, sieht mich an, dann den Kleinen, der im richtigen Moment wieder schnieft.
"Was denn?"
Ich mache ein feines Lächeln aus meinem schmutzigen Grinsen.
"Das mit der Nase", sage ich.
Der Kleine blickt auf, dann duckt er sich noch ein bißchen tiefer. Seine Mutter ist zum Glück abgelenkt und leise ist es ringsum auch nicht. Gute Gelegenheit für einen Vortrag.
"Also, das funktioniert so..."
Das Notizbuch ist zum Glück greifbar, der Bleistift steckt wie immer drin. Ich zeichne eine grob erkennbare Nase.
"Das ist der obere Atemweg...hier ist die Speiseröhre...das hier die Lunge...wie die Klappe hier heißt, weiß ich nicht..."
Töchterchen beugt sich gespannt über mich.
"Und hier an der Nasenwand sitzen Schleimdrüsen..."
Sie schüttelt sich nicht direkt, aber ich spüre es.
"Schl..."
"Jaja", sage ich schnell
"Wenn du durch die Nase atmest, wird die Atemluft erwärmt und gleichzeitig angefeuchtet, damit sie die Lunge nicht schockt. Was du einatmest, kann ja kalt und trocken und dreckig sein. Und damit die Lunge nicht erschreckt, geht alles durch den Nasenfilter. Wenn du normal atmest jedenfalls. Klar?"
"Klar." Sie hat begriffen. Sogar sehr genau, wie ich gleich feststelle. Denn sie wirft keinen einzigen Blick zu dem Jungen.
"Aber der Nasenschleim hat noch eine andere Funktion", fahre ich geschäftig fort. Auch für mich ist der Kleine gar nicht da. Und ringsum ist es immer noch laut.
"In der Luft sind nämlich auch Krankheitskeime. Und die bleiben normalerweise am feuchten Nasenschleim kleben. Nicht alle, aber viele."
"Aha." Jetzt riskiert sie doch einen Blick. Der Kleine starrt angestrengt aus dem Fenster. Man merkt ihm an, wie er gegen den Schniefreflex ankämpft, aber die Welt da draußen ist zu ablenkend und lauschen muss er ja auch noch. Und unbeteiligt tun. Ziemlicher Stress für einen kleinen Jungen. Schnief. Töchterchen bleibt eiskalt. Irgendwas knufft mich in die Seite. Ach ja.
"Naja, der Nasenschleim wird ja ständig erneuert, also von den Schleimdrüsen hier." Ich male ein paar Punkte auf die Zeichnung, aber die ist nicht mehr wichtig. "Wenn also ständig neuer Schleim entsteht, muss der alte weg. Und von alleine fließt sich das schlecht in einer Nase, die ständig bewegt wird. Also..."
"Wird geschnieft."
Mann, ich bin stolz auf meine Tochter.
"Richtig. Und was passiert mit dem Schleim, wenn du schniefst?"
Jetzt ist auch die Mutter aufmerksam geworden, aber es ist zu spät. Ich kann sogar lauter werden, wer jetzt noch eingreift, macht sich voll zum Deppen. Und außerdem rede ich ja nur mit meiner Tochter. Oder?
"Du schluckst ihn runter." Ich will ihr die peinliche Antwort ersparen. Und rede schnell weiter.
"Und nun kommt dein Immunsystem und fragt sich, was soll der Keim im Schleim."
Tja, wenn ich einmal in Fahrt bin...
"Also wird er vernichtet..."
Gelegenheit, ein paar Krakel auf der Zeichnung mit wilden Strichen ans Kreuz zu nageln.
"Schlussfolgerung?" Die Frage ist rhetorisch. "Dein Immunsystem vernichtet die Krankheitskeime, die du einschniefst. Und je mehr das sind, desto besser lernt es, mit denen umzugehen. Deshalb gibt es den Schniefreflex. Wir schniefen, das Dreckzeug geht rein, das Immunsystem lernt und wir werden nicht mehr von jedem Mist krank. Kapiert?"
"Und warum niesen wir dann?"
Miststück. Ich schaue sie entrüstet an.
"Na, was zuviel ist, ist eben zuviel."
Es wäre zu schön, wenn der Kleine jetzt niesen würde, aber das tut er nicht. Er starrt mich entgeistert an und eine kleine Rotzspur bahnt sich unter seinen Nüstern den Weg in die dafür vorgesehene Rinne. Ich zwinkere ihm zu und er erinnert sich an das Taschentuch in seiner Faust. Schnnnuuuurrrrfff!!
"Und deshalb schniefen wir", vollende ich meinen Vortrag. Aber ich kann´s nicht lassen.
"Und deshalb fressen wir auch so gerne Popel." Jetzt sehe ich dem Kleinen mit aufgerissenen Augen direkt ins Gesicht.
AusAusAus. Nicki hopst hoch, zerrt mich zum Ausgang, innerhalb von zwei Sekunden sind wir draußen. Ich sehe sie etwas erstaunt an, ihr Kraftaufwand war beträchtlich.
"Papa!"
"Hrm?"
"Also wirklich." Ihr Gesicht ist nicht gerade ladylike. Eher wutverzerrt. Meine Plomben knacken, aber ich halte meine Miene.
"Also was?"
"Papa, du bist ´ne Sau..." Der Rest geht im Gelächter unter.
Also, ich bin mir keiner Schuld bewusst...
Remington - 11. Okt, 00:07
