Personalgespräch.
Schon mal gehört das Wort? Personalgespräch? Also, ich noch nicht. Unbedarft nach der Bedeutung befragt, hätte ich vielleicht gemeint, die Unterhaltung zwischen Gast und Kellner wäre ein Personalgespräch oder der Begriff bezeichne den Tag der offenen Bürotür bei Wir-sitzen-doch-alle-in-einem-Boot-Scheffs. In der Sache gesehen hat die Bezeichnung einiges von beidem, aber ein Gespräch findet eigentlich doch nicht statt, obwohl viel geredet wird. Es ist einfach zu viel Inquisition dabei.
Der Anruf kam im Dienst, der Termin sollte am nächsten Tag, meinem freien Tag sein, was mich gleich sauer machte, denn so viel Freizeit lassen einem diese elendlangen Schichten nicht. Am Telefon überrumpelt, stimmte ich dennoch zu, ahnte auch gleich Schlimmes und versuchte rauszukriegen, was eigentlich gehauen und gestochen war. Man hielt sich bedeckt, aber der Tonfall ließ keinen Zweifel an der Schwere der zu besprechenden Taten. Ein kurzer Anruf meinerseits brachte die Erkenntnis, dass es Vorfälle gegeben habe. Aber auch von diesem "Kollegen" kam nicht mehr als "ich-weiß-auch-nicht". Nun gut.
Der Firmensitz liegt fast schon außerhalb der Stadt, also weit über den Hügeln im Walde. Zum Glück war ich diesmal motorisiert, verspätete mich aber dennoch um drei Minuten, da Autos nicht nur offizielle Wege nutzen müssen, sondern auch Parkplätze benötigen und man anschließend doch wieder laufen muss, was meine Zeitplanung völlig durcheinander brachte. Ich entschuldigte mich, wurde jovial beruhigt, schließlich wären drei Minuten noch im Limit (wer legt das eigentlich fest?) und dann bat man mich in die Folterkammer, ein Büro mit schalldichten Türen.
Sie hatten schwere Geschütze aufgefahren. Bereichsleiter, Personalchef und noch ein Scheff, den ich nur vom sehen kannte, ein Brocken von Kerl mit Bürobauch, Wegschubsschultern und Spatenzähnen. Strahlelächeln natürlich. Augen wie glasierte Keramik. Mir wurde unwohl. Sehr unwohl sogar.
"Na dann beginne ich mal", hub der Personaler an. "Was glauben sie denn, warum wir sie hergeholt haben?" Oder so ähnlich. Genaue Wortlaute habe ich nicht mehr im Gehirn, zu viel wurde gequatscht, zu entrüstet klangen die Anschuldigungen und es ist für niemanden leicht, dreimannhoch als unfähig bezeichnet zu werden. Das Wort fiel zwar nie, letztlich läuft es aber darauf hinaus, wenn man den Parametern nicht genügt. Und nicht genügt hatte ich. Oder besser gesagt, ich hatte mich nicht eingefügt.
Die Liste der Vorwürfe war lang. Arrogant würde ich wirken. Vorlaut sein. Eine lässige Dienstauffassung haben. Frühmorgens (5:00) fast wieder einschlafend am Counter (im Zoo) hängen. Besucher duzen. Eine E-Mail wäre abgeschickt worden, eine persönliche! E-Mail, über das Mailsystem des Kunden. Handybenutzung im Dienst, ausdrücklich verboten und von mir unterschrieben. Einen Laptop hätte ich dabeigehabt. Bücher gelesen. Einen Raum unbefugt betreten. Eine Drehtür nicht verschlossen. Ein Fenster angekippt gelassen. Die Dienstunterlagen nicht vorschriftsmäßig ausgefüllt. Ermahnt worden wäre ich, mehrfach. Keinerlei Wirkung hätte das gehabt. "Ja sagen sie uns doch mal, wie stehen sie den zu all dem?"
Das Schwierige bei all dem war, dass ich sehr viel und schnell denken und berechnen musste. Derweil jeder der drei abwechselnd auf mich einquakte, jeweils etwa fünfzehn Minuten lang. Mir war schnell klar, was da lief und laufen sollte. Nicht klar war mir, ob ich da durch kam.
Natürlich waren die Vorwürfe gerechtfertigt. Die Firma verkauft eine Dienstleistung und die Konkurrenz ist mörderisch. Da muss jeder Sklave perfekt konditioniert werden, deshalb sind die Vorschriften rigide und von dieser Warte aus richtig. Ich habe nicht das Mailsystem des Kunden zu nutzen, auch wenn die Nachricht an einen seiner Angestellten ging. Ich habe Gäste nicht zu duzen, obwohl das nur ein einziges Mal vorkam und die Jungs bester Laune waren und blieben. Ich habe kein Handy zu haben und während der verdammten zwölf Stunden, die eine Schicht dauert, habe ich kein Mensch mit sozialen Bindungen zu sein. Eine Drehtür muss verschlossen sein, wenn Verschluss angesagt ist, auch wenn durch das Ding nur hinaus- nicht aber hineingelangt werden kann. Ein Fenster im Erdgeschoss hat nicht angekippt zu sein, das ist eine deutliche Einbruchsgelegenheit. Ich sah ein, dass ich drei Fehler gemacht hatte.
Erstens war meine Annahme irrig, dass der Job im Bewachungsgewerbe nicht so besonders anspruchsvoll wäre und ich die Sache relativ locker angehen könnte. Man sitzt permanent auf dem Präsentierteller. Zweitens gibt es offenbar keine Privatsphäre im Dienst. Jede einzelne meiner Fehlleistungen war dokumentiert worden, was bedeutete, dass die Kollegen alles brühwarm weitergetragen hatten. Drittens habe ich es bisher in jedem Job verstanden, Mensch zu bleiben, das heißt, auch scheinbar langweilige Dienststunden und -tage auf die eine oder andere Art und Weise doch als Lebenszeit zu verstehen und zu genießen, in Grenzen natürlich. Eine ruhige, manchmal lockere Atmosphäre zu schaffen, in der man sich wohlfühlt. Ich erinnere mich an eine Indianistik-Gruppe, die für ein Fest im Zoo engagiert worden war und die in voller Kriegsbemalung hereinkam. Ein anerkennendes Indianergeheul schien mir angebracht und die Leute verstanden den Gag richtig und stimmten lautstark ein. Genau das wurde mir entrüstet zum Vorwurf gemacht, damit würde die Seriosität der Dienstleistung untergraben, direkt geschäftsschädigendes Verhalten wäre das und zusammen genommen würde alles für mindestens sechs Abmahnungen genügen und damit wäre ich draußen, aber sowas von. Nichts mit Arbeitsgericht, das wäre wasserdicht. Offenbar hat man schlechte Erfahrungen gemacht.
Ein Gespräch war es also wie gesagt nicht. Anklage und Beweisführung benötigten keine Mitarbeit, das Einzige, was gehört werden wollte, waren Laute der Unterwerfung. Ich habs versucht, wirklich. Ich bin ein jämmerlicher Schauspieler.
"Also, ich sage ihnen ehrlich, so wie sie schon da sitzen, ich nehme ihnen das nicht ab!" Der Personaler ritt am Anfang noch auf der Kumpelschiene ("Ich komme auch vom Bau, ich weiß wie das ist und Arbeitslosigkeit, da erzählen sie mir auch nichts neues, glauben sie mir..."), aber er durchschaute mich auch. Ich bin ein verdammt beschissener Befehlsempfänger. Und alles weniger als ein Pedant. "Pedantisch zu sein ist in diesem Beruf eher von Vorteil, das sage ich ihnen so wie´s ist. Und ich sehe nicht, dass sie das leisten können. Das sehe ich einfach nicht."
Ich schaue sie mir an und weiß, hier ist jedes Wort vergebens. Sie sind, wie sie sind und da ist nicht mehr viel menschlich. Sie sitzen da in ihren schicken Büroanzügen, das Logo der Firma auf Ansteck- und Krawattennadeln, glattgeschliffen und verhärtet wie Bachkiesel, gepresst von Existenz- und Karriereängsten, vernagelt von Erfolgszwang und Statusdenken. Wir sind durch Universen getrennt. Ich kann ihnen nicht klarmachen, dass ich eine Sache nicht unbedingt ernst nehme, nur weil man damit Geld machen kann. So wenig, wie ich Leute achte, nur weil sie welches haben.
Natürlich verstehe ich sie. Ich verstehe auch die Kollegen, für die es schließlich um die blanke Existenz geht. Auftragsverlust heißt Arbeitsplatzverlust und die Branche wird immer härter. Und Aufträge verloren haben wir im letzten Jahr genug. Das kann, vor allem wegen eines Schlawiners wie mir ganz schnell gehen. Der Witz dabei ist, dass man sich vor Ort um ein gutes Verhältnis zum Auftraggeber bemühen kann wie man will, die Entscheidungen haben ganz klar finanzielle Grundlagen und werden in ganz anderen Büros getroffen von Leuten, die uns nie zu sehen kriegen. Die TU zum Beispiel hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie eine neue Sicherheitstruppe einarbeiten musste, noch heute läuft dort alles durcheinander, hab ich gehört. Aber das letzte Wort hatte nicht die Uni-Leitung, sondern der Landesrechnungshof. Punkt und aus.
Die Henkersknechte zeigen nun die Folterwerkzeuge. Abmahnung sowieso, eigentlich wäre fristlose Kündigung gerechtfertigt, da soll ich mir nichts einbilden. Noch einmal wird die Liste der Verfehlungen hergebetet und dreifach Entrüstung vorgetragen. Dann ist es überstanden. Sie lassen mir drei Tage, um zu entscheiden, ob ich den Job richtig ausfüllen kann und werde oder nicht. Ich soll anrufen, wenn nein, dann wird die Kündigung fristgemäss erfolgen und ich bekomme Arbeitslosengeld. Na das klingt doch fair.
Und ich weiß ehrlich nicht, was ich machen soll.
Den Job brauche ich, soviel steht erst mal fest. Aber weg muss ich auch, da hat der Personaler recht, auch wenn er sich nicht durchsetzen konnte. Kann ich denn auf Schicht gehen in dem Wissen, permanent bespitzelt zu werden, keinen Fehler mehr machen zu dürfen, vielleicht kein einziges persönliches Wort mehr zu wechseln? Und kontrolliert werde ich, das wurde mir konkret angekündigt. Ich habe nicht durchschaut, wie viel von der Veranstaltung Konditionierungsshow war oder ob sie es ernst meinten. Aber ich weiß, je länger ich bleibe, desto mehr von mir wird vor die Hunde gehen. Ich bin kein dumpfer Stundenschrubber, ich bin ein Hinterfrager und Andersmacher und eine Uniform kann mein Wesen und meine Laune nicht verstecken, das will ich gar nicht. Ich soll aber. Merde.
Ich kann nur hoffen, dass nichts so heiß gegessen wie gekocht wird und dass ich irgendwie die Kurve kriege. Zumindest für dieses Jahr noch.
Und ich sollte vielleicht aufhören solche Bücher zu lesen.
Irgendwo im Blog hab ich mal was über Diktaturen und Humorlosigkeit geschrieben. Also eins ist Fakt: Meine Arbeitgeber sind humorloser als eine Horde Ayatollas.
Bitte, kann irgendwer aus mir einen braven, fernsehglotzenden und bildzeitungslesenden Idioten machen? Ich verklag auch niemanden...;-)
Der Anruf kam im Dienst, der Termin sollte am nächsten Tag, meinem freien Tag sein, was mich gleich sauer machte, denn so viel Freizeit lassen einem diese elendlangen Schichten nicht. Am Telefon überrumpelt, stimmte ich dennoch zu, ahnte auch gleich Schlimmes und versuchte rauszukriegen, was eigentlich gehauen und gestochen war. Man hielt sich bedeckt, aber der Tonfall ließ keinen Zweifel an der Schwere der zu besprechenden Taten. Ein kurzer Anruf meinerseits brachte die Erkenntnis, dass es Vorfälle gegeben habe. Aber auch von diesem "Kollegen" kam nicht mehr als "ich-weiß-auch-nicht". Nun gut.
Der Firmensitz liegt fast schon außerhalb der Stadt, also weit über den Hügeln im Walde. Zum Glück war ich diesmal motorisiert, verspätete mich aber dennoch um drei Minuten, da Autos nicht nur offizielle Wege nutzen müssen, sondern auch Parkplätze benötigen und man anschließend doch wieder laufen muss, was meine Zeitplanung völlig durcheinander brachte. Ich entschuldigte mich, wurde jovial beruhigt, schließlich wären drei Minuten noch im Limit (wer legt das eigentlich fest?) und dann bat man mich in die Folterkammer, ein Büro mit schalldichten Türen.
Sie hatten schwere Geschütze aufgefahren. Bereichsleiter, Personalchef und noch ein Scheff, den ich nur vom sehen kannte, ein Brocken von Kerl mit Bürobauch, Wegschubsschultern und Spatenzähnen. Strahlelächeln natürlich. Augen wie glasierte Keramik. Mir wurde unwohl. Sehr unwohl sogar.
"Na dann beginne ich mal", hub der Personaler an. "Was glauben sie denn, warum wir sie hergeholt haben?" Oder so ähnlich. Genaue Wortlaute habe ich nicht mehr im Gehirn, zu viel wurde gequatscht, zu entrüstet klangen die Anschuldigungen und es ist für niemanden leicht, dreimannhoch als unfähig bezeichnet zu werden. Das Wort fiel zwar nie, letztlich läuft es aber darauf hinaus, wenn man den Parametern nicht genügt. Und nicht genügt hatte ich. Oder besser gesagt, ich hatte mich nicht eingefügt.
Die Liste der Vorwürfe war lang. Arrogant würde ich wirken. Vorlaut sein. Eine lässige Dienstauffassung haben. Frühmorgens (5:00) fast wieder einschlafend am Counter (im Zoo) hängen. Besucher duzen. Eine E-Mail wäre abgeschickt worden, eine persönliche! E-Mail, über das Mailsystem des Kunden. Handybenutzung im Dienst, ausdrücklich verboten und von mir unterschrieben. Einen Laptop hätte ich dabeigehabt. Bücher gelesen. Einen Raum unbefugt betreten. Eine Drehtür nicht verschlossen. Ein Fenster angekippt gelassen. Die Dienstunterlagen nicht vorschriftsmäßig ausgefüllt. Ermahnt worden wäre ich, mehrfach. Keinerlei Wirkung hätte das gehabt. "Ja sagen sie uns doch mal, wie stehen sie den zu all dem?"
Das Schwierige bei all dem war, dass ich sehr viel und schnell denken und berechnen musste. Derweil jeder der drei abwechselnd auf mich einquakte, jeweils etwa fünfzehn Minuten lang. Mir war schnell klar, was da lief und laufen sollte. Nicht klar war mir, ob ich da durch kam.
Natürlich waren die Vorwürfe gerechtfertigt. Die Firma verkauft eine Dienstleistung und die Konkurrenz ist mörderisch. Da muss jeder Sklave perfekt konditioniert werden, deshalb sind die Vorschriften rigide und von dieser Warte aus richtig. Ich habe nicht das Mailsystem des Kunden zu nutzen, auch wenn die Nachricht an einen seiner Angestellten ging. Ich habe Gäste nicht zu duzen, obwohl das nur ein einziges Mal vorkam und die Jungs bester Laune waren und blieben. Ich habe kein Handy zu haben und während der verdammten zwölf Stunden, die eine Schicht dauert, habe ich kein Mensch mit sozialen Bindungen zu sein. Eine Drehtür muss verschlossen sein, wenn Verschluss angesagt ist, auch wenn durch das Ding nur hinaus- nicht aber hineingelangt werden kann. Ein Fenster im Erdgeschoss hat nicht angekippt zu sein, das ist eine deutliche Einbruchsgelegenheit. Ich sah ein, dass ich drei Fehler gemacht hatte.
Erstens war meine Annahme irrig, dass der Job im Bewachungsgewerbe nicht so besonders anspruchsvoll wäre und ich die Sache relativ locker angehen könnte. Man sitzt permanent auf dem Präsentierteller. Zweitens gibt es offenbar keine Privatsphäre im Dienst. Jede einzelne meiner Fehlleistungen war dokumentiert worden, was bedeutete, dass die Kollegen alles brühwarm weitergetragen hatten. Drittens habe ich es bisher in jedem Job verstanden, Mensch zu bleiben, das heißt, auch scheinbar langweilige Dienststunden und -tage auf die eine oder andere Art und Weise doch als Lebenszeit zu verstehen und zu genießen, in Grenzen natürlich. Eine ruhige, manchmal lockere Atmosphäre zu schaffen, in der man sich wohlfühlt. Ich erinnere mich an eine Indianistik-Gruppe, die für ein Fest im Zoo engagiert worden war und die in voller Kriegsbemalung hereinkam. Ein anerkennendes Indianergeheul schien mir angebracht und die Leute verstanden den Gag richtig und stimmten lautstark ein. Genau das wurde mir entrüstet zum Vorwurf gemacht, damit würde die Seriosität der Dienstleistung untergraben, direkt geschäftsschädigendes Verhalten wäre das und zusammen genommen würde alles für mindestens sechs Abmahnungen genügen und damit wäre ich draußen, aber sowas von. Nichts mit Arbeitsgericht, das wäre wasserdicht. Offenbar hat man schlechte Erfahrungen gemacht.
Ein Gespräch war es also wie gesagt nicht. Anklage und Beweisführung benötigten keine Mitarbeit, das Einzige, was gehört werden wollte, waren Laute der Unterwerfung. Ich habs versucht, wirklich. Ich bin ein jämmerlicher Schauspieler.
"Also, ich sage ihnen ehrlich, so wie sie schon da sitzen, ich nehme ihnen das nicht ab!" Der Personaler ritt am Anfang noch auf der Kumpelschiene ("Ich komme auch vom Bau, ich weiß wie das ist und Arbeitslosigkeit, da erzählen sie mir auch nichts neues, glauben sie mir..."), aber er durchschaute mich auch. Ich bin ein verdammt beschissener Befehlsempfänger. Und alles weniger als ein Pedant. "Pedantisch zu sein ist in diesem Beruf eher von Vorteil, das sage ich ihnen so wie´s ist. Und ich sehe nicht, dass sie das leisten können. Das sehe ich einfach nicht."
Ich schaue sie mir an und weiß, hier ist jedes Wort vergebens. Sie sind, wie sie sind und da ist nicht mehr viel menschlich. Sie sitzen da in ihren schicken Büroanzügen, das Logo der Firma auf Ansteck- und Krawattennadeln, glattgeschliffen und verhärtet wie Bachkiesel, gepresst von Existenz- und Karriereängsten, vernagelt von Erfolgszwang und Statusdenken. Wir sind durch Universen getrennt. Ich kann ihnen nicht klarmachen, dass ich eine Sache nicht unbedingt ernst nehme, nur weil man damit Geld machen kann. So wenig, wie ich Leute achte, nur weil sie welches haben.
Natürlich verstehe ich sie. Ich verstehe auch die Kollegen, für die es schließlich um die blanke Existenz geht. Auftragsverlust heißt Arbeitsplatzverlust und die Branche wird immer härter. Und Aufträge verloren haben wir im letzten Jahr genug. Das kann, vor allem wegen eines Schlawiners wie mir ganz schnell gehen. Der Witz dabei ist, dass man sich vor Ort um ein gutes Verhältnis zum Auftraggeber bemühen kann wie man will, die Entscheidungen haben ganz klar finanzielle Grundlagen und werden in ganz anderen Büros getroffen von Leuten, die uns nie zu sehen kriegen. Die TU zum Beispiel hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie eine neue Sicherheitstruppe einarbeiten musste, noch heute läuft dort alles durcheinander, hab ich gehört. Aber das letzte Wort hatte nicht die Uni-Leitung, sondern der Landesrechnungshof. Punkt und aus.
Die Henkersknechte zeigen nun die Folterwerkzeuge. Abmahnung sowieso, eigentlich wäre fristlose Kündigung gerechtfertigt, da soll ich mir nichts einbilden. Noch einmal wird die Liste der Verfehlungen hergebetet und dreifach Entrüstung vorgetragen. Dann ist es überstanden. Sie lassen mir drei Tage, um zu entscheiden, ob ich den Job richtig ausfüllen kann und werde oder nicht. Ich soll anrufen, wenn nein, dann wird die Kündigung fristgemäss erfolgen und ich bekomme Arbeitslosengeld. Na das klingt doch fair.
Und ich weiß ehrlich nicht, was ich machen soll.
Den Job brauche ich, soviel steht erst mal fest. Aber weg muss ich auch, da hat der Personaler recht, auch wenn er sich nicht durchsetzen konnte. Kann ich denn auf Schicht gehen in dem Wissen, permanent bespitzelt zu werden, keinen Fehler mehr machen zu dürfen, vielleicht kein einziges persönliches Wort mehr zu wechseln? Und kontrolliert werde ich, das wurde mir konkret angekündigt. Ich habe nicht durchschaut, wie viel von der Veranstaltung Konditionierungsshow war oder ob sie es ernst meinten. Aber ich weiß, je länger ich bleibe, desto mehr von mir wird vor die Hunde gehen. Ich bin kein dumpfer Stundenschrubber, ich bin ein Hinterfrager und Andersmacher und eine Uniform kann mein Wesen und meine Laune nicht verstecken, das will ich gar nicht. Ich soll aber. Merde.
Ich kann nur hoffen, dass nichts so heiß gegessen wie gekocht wird und dass ich irgendwie die Kurve kriege. Zumindest für dieses Jahr noch.
Und ich sollte vielleicht aufhören solche Bücher zu lesen.
Irgendwo im Blog hab ich mal was über Diktaturen und Humorlosigkeit geschrieben. Also eins ist Fakt: Meine Arbeitgeber sind humorloser als eine Horde Ayatollas.
Bitte, kann irgendwer aus mir einen braven, fernsehglotzenden und bildzeitungslesenden Idioten machen? Ich verklag auch niemanden...;-)
Remington - 24. Okt, 18:31

einen Zirkusbären