Untot

Heute bekam ich meine Abmahnung überreicht. Ich soll das Ganze nicht überbewerten, meint Chefchen. Laut der Kollegen und was er so selber gesehen hat, hätte ich ja eine Wende um hundertachtzig Grad gemacht und sie wären nicht nachtragend. Wie nett. Fast hätte ich geantwortet, dass wir hier ja Erfahrung mit Wenden haben, das klappt schon. Vielleicht hätte er die Spitzfindigkeit begriffen, es aber todsicher in den falschen Hals bekommen. Er hat keinen Humor, den ich kenne.

Als er weg ist, habe ich Zeit zum Nachdenken. Ich hab mich nicht gewendet. Ich hab mich abgeschaltet. Fast jeder Dienst ist für mich nun keine Lebenszeit mehr, sondern eine Strafe, die ich für Geld ertrage, mit den Gedanken ganz woanders. Ich habe mir eine Routine eingepaukt, der ich folge und ertappe mich immer wieder dabei, etwas davon zu vergessen, weil ich eigentlich gar nicht da bin. Zum Glück ist die Routine derart simpel, dass Fehler sofort korrigierbar sind, also nicht aufeinander aufbauen. Und in ein paar Wochen ist alles im Kleinhirn fixiert.

Die Dienstprotokolle schreibe ich auf einem Schmierzettel, den ich abnicken lasse, bevor ich kurz vor Feierabend das korrekte Formular ausfülle. Ansonsten halte ich mich so wenig wie möglich in der Nähe von Kollegen auf. Ich frage dreimal nach, bevor ich überhaupt etwas mache. Entscheidungen treffe ich grundsätzlich nicht. Ich äußere weder Ideen noch Ansichten, erfülle die stumpfsinnigsten Abläufe punktgenau, ohne etwas an ihnen zu verändern, versuche nicht, schneller oder auch nur anders zu sein. Offenbar wollen sie mich genau so haben. Die Kollegen drückten mir schon ihre Wertschätzung aus. Einige zumindest.

Der andere meinte, ich solle mich vorsehen. Die Alten wollen den bequemen Posten möglichst bis zur Rente halten, die würden mich eiskalt über die Klinge springen lassen, ich wäre nicht der erste. Das weiß ich. Und ich nehme es ihnen ja auch nicht übel. Ich bedaure den Zustand nur. Ich soll nicht so viel Persönliches von mir erzählen, rät er mir noch. Das würde hier manchmal ganz anders ausgelegt. Na gut. Das wird mir aber schwer fallen.

Ich bin also zu dem geworden, was so viele sind, vor allem wohl in Amtstuben und Büros. Ich bin nicht mal ein Bedenkenträger, ich äußere mich gar nicht. Ich bin ein völliger Hohlkörper, bereit mit bis ins kleinste ausgeklügelten Vorgaben gefüllt zu werden und seien sie auch noch so dusslig, ein Knetemensch, anpassbar an jede Matrix, ein Gefolgsmann ohne einen einzigen eigenen Gedanken. Perfekt. Diese Art Unlebewesen muss hierzulande weit verbreitet sein oder wir hätten nicht die Art Gesellschaft, die wir haben.

Wenn ich routiniert genug bin, um im Kopf völlig abschalten zu können, wird es hier vielleicht wieder ein paar neue Geschichten zu lesen geben. Vorerst mache ich meine Bewerbungsseiten wieder scharf. Ich habe nämlich die Befürchtung, dass ich wirklich ein Riesenidiot werde, wenn ich zu lange einen spiele.

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