Working poor

Ab und an blättere ich doch mal länger im Blog und so hab ich festgestellt, dass ich weit mehr über meinen Job schreibe, als ich je vorhatte. Ich weiß, dass das wenig interessant ist, aber es beschäftigt mich offenbar sehr. Wenn ich Mumm hätte, würde ich den ganzen Dreck hinschmeißen und nach Argentinien gehen oder so, ich hab schon immer bewundert, wie das so die Memoirenschreiber machten, die da locker-flockig nach Paris oder Corpus Christi „gingen“, ach ja.

Was mich persönlich bei meiner Art Arbeit so fertig macht, ist nicht der geringe Verdienst oder die gigantischen Arbeitszeiten (aber das auch mit), sondern vor allem die Tatsachen, dass man mich quasi über Nacht ersetzen kann und dass die Arbeitsaufgabe nicht Herstellung, Vorbereitung, Vermittlung, Betreuung, Befriedigung oder sonst etwas Sinnvolles ist, sondern zu einem guten Teil in der Vortäuschung von Nutzen besteht. Ich weiß, ganze Heerscharen von Beratern, Agenten, Kulturschaffenden, Politschwaflern und Millionen von Beamten sehen kein Problem darin, wenn sie es überhaupt mitbekommen. Ich habe den Verdacht, die meisten Menschen können sich hervorragend selbst irgendeinen Nutzen ihrer Tätigkeit einreden und meines Erachtens haben wir auch die Art sauteure Gesellschaft, die wir haben, weil nur noch ein verschwindend geringer Teil der Arbeitsfähigen überhaupt Werte schafft, während ein Großteil diese Werte verwaltet oder gleich direkt davon, also quasi als Parasit lebt. Deshalb auch die immer verrückter werdende Regelungswut der Papierwühlerchen, die ihre fast immer völlig dussligen und dazu noch meist fruchtlosen Bemühungen ehrlich für Arbeit halten, nur weil sie jeden Morgen rechtschaffen müde da hin latschen. Arbeit ist aber nach meinem Verständnis eine Tätigkeit, die Wert oder Nutzen schafft. Bürokraten vernichten aber fast immer beides.

Und auch ich arbeite nicht, sondern verkaufe meine Lebenszeit an Leute, die es ihrerseits fertig gebracht haben, anderen die Notwendigkeit des teuren Erwerbs einer Leistung einzureden. Noch cleverer wird’s, wenn man gleich selber Gesetze macht, die eine solche Notwendigkeit obsolet erscheinen lassen. Dann muss man nur noch besagte Leistung vortäuschen.

Naja, und weil ich meine Lebenszeit für kostbar erachte, frustriert mich das eben sehr. Dabei gibt’s Leute, mit denen möchte nicht mal ich tauschen.

Zum Beispiel der Fahrer eines „Frischedienstes“, der manchen Morgen schon um halb zwei die noch lange leere Küche beliefert. Ich weiß nicht, wann der Mann schläft oder seine zwei Kinder gezeugt hat. Oder wie er seine gesunde Laune behält. Halb zwei Uhr liefern heißt nicht, zehn Minuten vorher losfahren, sondern erst einmal zum Fuhrhof kommen, dann laden und DANN erst los. Und das jahrelang. Der Mann ist beileibe keine Ausnahme, die Autobahnen nach Mitternacht sind voll von LKW mit den Logos der Lieferfirmen.

Oder die Bäckersfrau, die in ihrem mobilen Laden jeden Morgen um halb sieben an der Ecke steht. Die Bude ist im Winter klapperkalt und im Sommer ein Backofen, in dem so viele Wespen herumbrummen, dass man sie gelegentlich einatmet, wie sie berichtete. Und auch hier heißt es zum Auftakt erst mal laden und einräumen. Und dann sieben Stunden Kunden bedienen. Nicht im Sitzen. Ach ja, und dann noch zurückfahren und aufräumen, gelle?

Ich habe einen Kollegen, der das Geschäft einer bekannten Parfümeriekette bewacht. Der macht das schon zwei Jahre lang. Mittlerweile ist die Arbeitszeit auf zehn Stunden am Tag erhöht worden und so steht er nun wie ein Zigarrenladenindianer da rum und lässt sich von den hereinströmenden Kunden begaffen. Das mit dem Stehen ist ernst gemeint, ganze dreißig Minuten Pause gibt es am Tag. Hat schon mal jemand neuneinhalb Stunden irgendwo gestanden? Nicht hinsetzen, nicht rumlaufen, nicht drauflümmeln, nee, einfach stehen. Und schon gar nicht lauthals meckern. Lächeln ist gefordert, ganz ernsthaft.

Es macht sich auch kaum jemand klar, was es für eine Verkäuferin oder Kellnerin bedeutet, täglich im Geschäft zu sein. Das umfasst nicht nur die Öffnungszeiten, beileibe nicht. Schätzt jemand, wie viele Kilometer eine Krankenschwester am Tag läuft? Was ein Arzt so während vierundzwanzig Stunden treibt? Wie oft sich ein Koch hinsetzen kann? Was ein kleiner Budiker noch so alles erledigen muss außer Kunden bedienen?

Die Regelungen und Vorschriften für die genannten und viele andere echte Arbeiten wurden immer von Leuten in bequemen Sesseln an Schreibtischen gemacht. Und diesen Leuten nehme ich einfach nicht ab, dass das, was sie da tun, Arbeit sein soll. Die sind so abgehoben, dass eine Gewerkschaft der Papierwühler wörtlich forderte, es könne doch nicht hinnehmbar sein, dass ihre Klientel zukünftig das gleiche Risiko trage, bei Geschäftsschwierigkeiten entlassen zu werden, wie Industrieangestellte. Arroganter geht es kaum Und nur eine Kaste von mittlerweile geradezu pervers blinden Ego-Affen konnte sich so etwas wie eine Rente mit 67 ausdenken, die ja nichts weiter als eine reale Rentenkürzung ist. Ich weiß, dass es nicht viel nützt, nur den Mund aufzumachen, ich würde mir wünschen, es würden wieder mal Sklavenaufstände modern und ein großer Haufen großer Mäuler mit realen Fäusten gestopft, aber das ist illusorisch. Es gibt zu viele Sklaven, die sich für Herren halten und bestenfalls noch deren Diener sind.

Aber wenigstens sollte man nicht in Ehrfurcht vor Leuten erstarren, die das, was sie an Werten verbrauchen, nicht mal dann schaffen könnten, wenn sie es selber wert wären.
Sladade (Gast) - 7. Feb, 23:36

Dem ist nichts hinzuzufügen!!!

creature - 7. Feb, 23:58

dein blick ist klar, das kann ich dir versichern!
schon lange warte ich darauf wie alles zusammenbricht und wie im märchen "des königs neue kleider" ein kind ruft, der ist ja nackt und alle beginnen wahrzunehmen was wirklich ist.

Remington - 8. Feb, 09:22

Die Geschichte zeigt, dass die Leute nicht dann rebellieren, wenn es ihnen besonders dreckig geht, sondern dann, wenn sie meinen, dass nur eine Winzigkeit fehlt zum besseren. Und die Situation sehe ich nicht in Europa. Hier gehts allen noch viel zu gut. Sogar mir.
kaltmamsell (Gast) - 8. Feb, 07:11

Weswegen ich auch nicht verstehe, warum ich Rumsitzerin im selben Alter in Rente gehen darf wie die Kittelschürzenträgerin in der Gießerei schräg übern Hof: Diese Dame ist mit 65 körperlich garantiert im Eimer, ich hingegen kann mich voraussichtlich endlich für einen Tenniskurs anmelden.

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