Leipzig 08

Buchmesse, ach ja. Schnell mal hingedüst, weil Freunde hingehen und ich viel mehr unter Menschen sollte und die Fuhre nur fünf Euro kostet. Drei Mädels und ich im Clio auf der Autobahn, ratz-fatz. Viel ist noch nicht los.

halle1 blick

Dann trudelt die Begleitung ein, wir schlendern ab. Schlender, verschlender. Gar nicht so einfach, die Masse wird dicker. Täusche ich mich oder ist dieses Jahr belletristisch noch weniger zu sehen? Die Großen scheinen kaum ein paar Bände angekarrt zu haben, mehr ist in den Comic-Bereichen und im Sektor Irgendwie-rund-ums-Bedruckte los.

kart

Ich weiß gar nicht so recht, warum ich auf die Buchmesse gehe. Die Programme der einzelnen Verlage zu eruieren geht auch anders, mit dem Literaturbetrieb habe ich rein gar nichts zu schaffen…also bin ich nur neugierig? Nach einer Weile fällt es mir auf. Ich fühle mich wohl auf Buchmessen. Sauwohl.

unerzogen

Die Atmosphäre ist es wahrscheinlich. All die gutgekleideten stillen Menschen, die an winzigen Tischen bei Keks und Gummibärchen Wichtiges bereden. Bevor die Begleitung da war, hatte ich die Gelegenheit, an einem Nebentisch eines der zahlreichen Bistros eine klassische Szene mitzuerleben. Handelnde Personen: Ein Verlagsmitarbeiter und eine Veröffentlicherin. Zweck des Ganzen: Offenbar Informationsaustausch. Oder Werbung. Ein Interview. Die junge Dame kritzelt in ihren Block und sagt die ganze Zeit über kein Wort.

„Also, das eine Werk, das neu ist…ich bin begeistert von diesem Autor, ein türkischer Autor übrigens…Also, die Handlung, es ist ein Krimi, nicht wahr…und das tolle ist, dieser Kommissar, also der ist in Istambul bei der Polizei und er ist schwul. Und ein Transvestit. Und in seinem Umfeld wird eine Frau umgebracht…Wie der Autor das herausarbeitet, das ist SUPERTOLL…Er arbeitet da mit Schockmomenten, man denkt, jetzt muss es so sein, aber in Istambul und in dieser Szene sowieso, da ist alles anders….Und am Schluss, wo man schon denkt, nun alles geklärt, da küsst er den Täter…“

Ich halts nicht aus. Eine schwule Transe würde in Istambul allenfalls Bauchtänzer oder Barkeeper, aber niemals Polizist, schon gar nicht Kommissar, falls die sich da überhaupt so nennen. Hach, ich liebe die anspruchsvolle Literatur.

Und noch ein Grund fällt mir ein, Buchmessen zu besuchen. Hier fehlt eine ganz bestimmte Sorte Mensch völlig; eine Sorte, die sich ansonsten permanent ins Bild schiebt und alles zu besudeln beherrschen scheint. Ich meine die Macher. Die Könner. Die Alleswisser. Die Reich-mal-rüber-Leute. Auf einer Buchmesse laufen Leser rum. Oder Schreiber. Verbesserer manchmal. Gläubige, die Verlage gründen. Verrückte auch, wenn man den Kostümen in der Comic-Abteilung glaubt. Aber die Anpacker, die Niezweifler, die im wahrsten Sinne des Wortes „Ausgebildeten“ fehlen hier. Ihnen ist auf einer Buchmesse zuwenig greifbar, es gibt für sie zu wenige klare Linien. Zu viele Diskutierer hier, die ihnen maulhaft überlegen sind. Natürlich sind die Sammler da, die mit den neun Falttüten und dem halben Zentner give-aways, aber die stören nicht, die sammeln. Ich rieche gern Bücher, ich weiche gern diesen Menschen aus, die sie suchen und besuchen und durchblättern und die alle irgendwie einen leicht abwesenden Ausdruck haben bis auf die ganz jungen, für die das Leben noch größtenteils Spaß ist. Und es wird nun mal, für mein Empfinden zumindest, viel weniger gedrängelt und geschubst als auf einer Auto- oder Heimwerkermesse. Die Leute hier wissen, dass man fürs Lesen und fürs Leben Zeit braucht, eine Sache, die ein Handwerker nie hat. Alles sollte eigentlich schon vorige Woche fertig sein, gelle?

Aber es läuft auch noch eine andere Sorte Mensch herum, nämlich die prominente. Und in diesem verqueren Zusammenhang mal eine Preisfrage: In der DDR gab es eine Vereinigung, die sich mit den Buchstaben FDGB abkürzte. Was bedeutete die Abkürzung?

fdgb

Freier Deutscher Gewerkschaftsbund?

Oder „Freund deine Glatze blendet?“


Nebenbei bemerkt: Der gute Brucey hat sich für die Autogramme stundenlang Zeit genommen und seine Bodyguards hatten nicht viel mehr zu tun, als Fotos von ihm mit den Kameras der Umstehenden zu schießen. Geht also auch ohne Gekreisch, siehste.
ersatzprobe - 15. Mrz, 19:18

sehr schön, die beschreibung der atmossphäre und der leute, die nichts m a c h e n, nicht mal drängeln. hab ich auch oft so erlebt. irgendwie anders diese welt: aber auch immer mehr doch nicht. messe, thema zweimal im jahr das buch. ach, ich wär auch gern in leipzig.

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Verlag Neckarwiese - 15. Mrz, 19:01

Ich weiß gar nicht so recht, warum ich auf die Buchmesse gehe?

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Verlag Neckarwiese - 15. Mrz, 19:02

Ich weiß gar nicht so recht, warum ich auf die Buchmesse gehe

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