Friday, contradictorily
Der DVD-Player ist kommentarlos ausgestiegen. Ich hab sowieso viel zu viel geglotzt. Ein Zeichen, Herr?
Der nächste Tag beginnt eigentlich ganz gut. Abends schaue ich immer noch mal bei Wetter-Online vorbei, es soll Regen geben, endlich. Wird auch Zeit, dass der allgegenwärtige Blütenstaub mal weggewaschen wird. Jede Oberfläche ist dick eingepudert und das Geheul der Allergiker schallt vom Horizont. Aber was stelle ich beim morgendlichen Blick aus dem Fenster fest? Nach Regen sieht das nicht aus. Und siehe da, Wetter-Online hat seinen Bericht prompt angepasst. Jetzt verheißt man Sonne mit gelegentlichen Wolkenfeldern. Na Klasse. Was soll ich mit einer Vorhersage anfangen, die nichts vorhersagt, sondern sich einfach anpasst?
Dennoch gutgelaunt radle ich los und mache den Parkplatz klar. Die Zoo-Leute sind bereits da, ihre Autos und Motorräder haben feste Plätze. Gerade kurvt der Chef herein. Er hat eine Bitte. Ich soll Wahlplakate vom Eingangsbereich entfernen. Wahlplakate? Ach ja, es ist ja Oberbürgermeisterwahl. Überall hängen sie herum. Die übliche fette, selbstzufriedene FDP-Fresse, Frau Blitzblank-Unfehlbar von der CDU und die alternativ zerstrubbelte Grüne. Die Roten haben die besten Bilder, weil da noch andere Menschen drauf sind oder sie verzichten ganz. Klaus, wer ist Klaus? Mir Wurscht. Wir haben Klaus entfernt, heute ist Strubbelchen dran, morgen wahrscheinlich der gelbe Pfeffersack. Starke Wirtschaft, starke Stadt, zum Kotzen. Manchester war auch ne starke Stadt. Ich nehme das Messer und knalle die Kabelbinder durch. Noch ein paarmal und ich habe genug Pappen für die erste Hütte der Favela am Stadtrand zusammen.
Aber wer wird denn gleich heulen.
Meine Lieblingspflegerin trabt herüber, sie hat in der Frühe beim absetzen des Motorradhelms offenbar einen Ohrring verloren. Nichts weiter tolles, nur Modeschmuck, so ein chinesisches Schriftzeichen. Wenn ich Langeweile hätte, könnte ich ja mal gucken, oder? Sie zeigt mir noch, wie es aussieht. Auf ihrer Hüfte tätowiert. Ziemlich weit unten. Um mich verlegen zu machen brauchts einiges, sie schaffts im Handumdrehen.
Die neue Putzfrau kommt angeschlendert, auch eine von denen, die ich noch nie ohne Lachen im Gesicht gesehen hab. Sie hat Feierabend, beginnt ja schon um vier Uhr früh. Das Auto hat die Reifen hochgerissen, ach schrecklich. Hat sie sich also ein neues zugelegt, ein Cabrio, juchei. Sie strahlt über das ganze etwa vierundzwanzigjährige Gesicht und genießt die Karre sichtlich. Im Sonnenschein kurvt sie davon, dass die Reifen jaulen.
Dann die ersten Besucher. Wer spätmorgens erscheint, hat in aller Regel einen entspannten Tag vor sich und ist entsprechend leicht zu händeln. Ich hab festgestellt, dass ein leichter Befehlston, verbunden mit einem Lächeln und dem Bitte-Wort am besten ankommt. Das Kärtchen bitte im Auto lassen, ja? Dieses Gekrame in Tüten und Taschen hab ich satt. Funktioniert prima. Das Problem bleibt, dass sehr viele Leute fast unfähig sind, eine Entscheidung zu treffen. Schatz, was machen wir? Wollen wir dies oder wollen wir den anderen Tarif? Meistens trifft die Frau die Entscheidung, vor allem bei den Älteren. Sie verwaltet auch die Kasse, das auch meist bei den Jüngeren. Gib mal Geld, Mutti. Wenn ich je so werde, bring ich mich um.
Mittags fährt der Chef zum Essen. Wenn ich Chef sage, meine ich den Zoo-Chef, nicht meinen. Der Trottel soll sich möglichst nicht blicken lassen. Er hat schon wieder einen Erlass geschickt, der seine absolute Inkompetenz unter Beweis stellt. Ich soll keine Hunderter mehr entgegennehmen. Weil ich die Echtheit nicht sicher prüfen kann. Es sind wohl wieder ein paar falsche aufgetaucht. Ach ja, und wie soll ich das machen, wenn fünf Autos pro Sekunde hier reindrängen und die Straße verstopfen? Wechselgeld hab ich dann genug und was, wenn der Gast nicht anders bezahlen kann? Kommt vor. Dann nehme ich mir natürlich die Zeit und komplimentiere ihn höflich wieder raus in den Stau oder was? Ringsum gibt’s so gut wie keine Parkmöglichkeiten. Herrgott, schmeiß Hirn vom Himmel. Wenn ich je so dämlich werde…
Zoo-Cefchen erinnert mich im davongleiten daran, dass heute Nachmittag Spanschweinfressen für die Mitarbeiter angesagt ist. Die Wachmannschaft ist eingeladen, aber das Interesse hält sich in Grenzen. Ich werd aber kommen, danke. Sonst hab ich ja nur diese Sekundenkontakte, vielleicht ergibt sich mehr. Außerdem gibt’s Infos über die neue Giraffenanlage.
Der Regen kommt dann doch noch. Zuerst spärlich tröpfelnd, zum Feierabend hin stärker werdend und dann gießt es ein bisschen. Kann ich sechzehn Uhr ruhigen Gewissens zumachen und das Schwein kosten gehen.
Sie an, man hat Zelte aufgebaut. Der größte Teil der Mannschaft sitzt bereits da, das Ferkel wird fachgerecht vom Schlosser zerlegt, Bier und Sekt und Wein ist kostenlos, der Regen stört nicht weiter. Zumindest die Pfleger nicht, die es gewohnt sind, bei jedem Wetter draußen zu sein. Mich eh nicht. Die Bürotruppe drängelt sich um einem Klapptisch und friert.
Ich such mir jemanden, den ich etwas besser kenne, aber irgendwie kommt keine Stimmung auf. Das Fleisch ist köstlich, aber als Thema auch bald erledigt. Bei den Terrarienleuten kann ich noch ein bißchen mitreden, aber ich bleibe ein Fremdkörper hier, wo sich die meisten seit Jahrzehnten kennen. Und duzen, auch mit dem Chef.
Dann geht die Führung los. Wir teilen uns in zwei Gruppen, stapfen über die schlammige Baustelle und ich erfahre eine Fülle von Details über die Planung und den Bau der neuen Giraffenanlage, die zu August/September fertig sein wird. Wir sind ein Stadtzoo, ein kleiner Zoo also, dazu an jeder Ecke denkmalgeschützt, da ist nicht einfach bauen.
Nachbesserungen ist man aber gewöhnt, auch hängt vieles von den Tieren ab. Toll wird’s auf jeden Fall und die weitere Zukunft wird noch vieles bringen. Das Aquarium ist ja nun ein regelrechter Schandfleck, oder? Warte nur, balde. Was muss das für ein Gefühl sein, den Job so todsicher zu haben, dass man Jahre in die Zukunft sehen kann. Die Lehrlinge sind gar nicht so froh, erfahre ich. Sie werden wahrscheinlich nicht übernommen werden können und sie wollen nicht weg. Kann ich verstehen. Das ist wie eine Familie hier. Eine gute.
Ein wenig traurig stapfe ich zurück. Noch ein Stopp am Mangustengehege, innerhalb von zehn Minuten erfahre ich mehr Details als in zehn Stunden Zoofernsehen. Ach ja, es wird eine dritte Staffel der Dresdner Schnauzengeschichten geben. Na fein. Zurück auf die Festwiese, hier hat sich nun ein harter Kern gebildet, der lebhaft durcheinanderschwatzt. Die ersten verabschieden sich, ich nutze die Gelegenheit, ein Glas noch, ja. Dann ab, es ist noch nicht mal sieben. Hier ein Gruß, da noch einer, ich bedanke mich artig für die Einladung; wir fahren ja nach Berlin, na dann, machs gut, bis morgen wieder?
Klar, wie immer. Was ist ein „Schönes Wochenende?“
Der nächste Tag beginnt eigentlich ganz gut. Abends schaue ich immer noch mal bei Wetter-Online vorbei, es soll Regen geben, endlich. Wird auch Zeit, dass der allgegenwärtige Blütenstaub mal weggewaschen wird. Jede Oberfläche ist dick eingepudert und das Geheul der Allergiker schallt vom Horizont. Aber was stelle ich beim morgendlichen Blick aus dem Fenster fest? Nach Regen sieht das nicht aus. Und siehe da, Wetter-Online hat seinen Bericht prompt angepasst. Jetzt verheißt man Sonne mit gelegentlichen Wolkenfeldern. Na Klasse. Was soll ich mit einer Vorhersage anfangen, die nichts vorhersagt, sondern sich einfach anpasst?
Dennoch gutgelaunt radle ich los und mache den Parkplatz klar. Die Zoo-Leute sind bereits da, ihre Autos und Motorräder haben feste Plätze. Gerade kurvt der Chef herein. Er hat eine Bitte. Ich soll Wahlplakate vom Eingangsbereich entfernen. Wahlplakate? Ach ja, es ist ja Oberbürgermeisterwahl. Überall hängen sie herum. Die übliche fette, selbstzufriedene FDP-Fresse, Frau Blitzblank-Unfehlbar von der CDU und die alternativ zerstrubbelte Grüne. Die Roten haben die besten Bilder, weil da noch andere Menschen drauf sind oder sie verzichten ganz. Klaus, wer ist Klaus? Mir Wurscht. Wir haben Klaus entfernt, heute ist Strubbelchen dran, morgen wahrscheinlich der gelbe Pfeffersack. Starke Wirtschaft, starke Stadt, zum Kotzen. Manchester war auch ne starke Stadt. Ich nehme das Messer und knalle die Kabelbinder durch. Noch ein paarmal und ich habe genug Pappen für die erste Hütte der Favela am Stadtrand zusammen.
Aber wer wird denn gleich heulen.
Meine Lieblingspflegerin trabt herüber, sie hat in der Frühe beim absetzen des Motorradhelms offenbar einen Ohrring verloren. Nichts weiter tolles, nur Modeschmuck, so ein chinesisches Schriftzeichen. Wenn ich Langeweile hätte, könnte ich ja mal gucken, oder? Sie zeigt mir noch, wie es aussieht. Auf ihrer Hüfte tätowiert. Ziemlich weit unten. Um mich verlegen zu machen brauchts einiges, sie schaffts im Handumdrehen.
Die neue Putzfrau kommt angeschlendert, auch eine von denen, die ich noch nie ohne Lachen im Gesicht gesehen hab. Sie hat Feierabend, beginnt ja schon um vier Uhr früh. Das Auto hat die Reifen hochgerissen, ach schrecklich. Hat sie sich also ein neues zugelegt, ein Cabrio, juchei. Sie strahlt über das ganze etwa vierundzwanzigjährige Gesicht und genießt die Karre sichtlich. Im Sonnenschein kurvt sie davon, dass die Reifen jaulen.
Dann die ersten Besucher. Wer spätmorgens erscheint, hat in aller Regel einen entspannten Tag vor sich und ist entsprechend leicht zu händeln. Ich hab festgestellt, dass ein leichter Befehlston, verbunden mit einem Lächeln und dem Bitte-Wort am besten ankommt. Das Kärtchen bitte im Auto lassen, ja? Dieses Gekrame in Tüten und Taschen hab ich satt. Funktioniert prima. Das Problem bleibt, dass sehr viele Leute fast unfähig sind, eine Entscheidung zu treffen. Schatz, was machen wir? Wollen wir dies oder wollen wir den anderen Tarif? Meistens trifft die Frau die Entscheidung, vor allem bei den Älteren. Sie verwaltet auch die Kasse, das auch meist bei den Jüngeren. Gib mal Geld, Mutti. Wenn ich je so werde, bring ich mich um.
Mittags fährt der Chef zum Essen. Wenn ich Chef sage, meine ich den Zoo-Chef, nicht meinen. Der Trottel soll sich möglichst nicht blicken lassen. Er hat schon wieder einen Erlass geschickt, der seine absolute Inkompetenz unter Beweis stellt. Ich soll keine Hunderter mehr entgegennehmen. Weil ich die Echtheit nicht sicher prüfen kann. Es sind wohl wieder ein paar falsche aufgetaucht. Ach ja, und wie soll ich das machen, wenn fünf Autos pro Sekunde hier reindrängen und die Straße verstopfen? Wechselgeld hab ich dann genug und was, wenn der Gast nicht anders bezahlen kann? Kommt vor. Dann nehme ich mir natürlich die Zeit und komplimentiere ihn höflich wieder raus in den Stau oder was? Ringsum gibt’s so gut wie keine Parkmöglichkeiten. Herrgott, schmeiß Hirn vom Himmel. Wenn ich je so dämlich werde…
Zoo-Cefchen erinnert mich im davongleiten daran, dass heute Nachmittag Spanschweinfressen für die Mitarbeiter angesagt ist. Die Wachmannschaft ist eingeladen, aber das Interesse hält sich in Grenzen. Ich werd aber kommen, danke. Sonst hab ich ja nur diese Sekundenkontakte, vielleicht ergibt sich mehr. Außerdem gibt’s Infos über die neue Giraffenanlage.
Der Regen kommt dann doch noch. Zuerst spärlich tröpfelnd, zum Feierabend hin stärker werdend und dann gießt es ein bisschen. Kann ich sechzehn Uhr ruhigen Gewissens zumachen und das Schwein kosten gehen.
Sie an, man hat Zelte aufgebaut. Der größte Teil der Mannschaft sitzt bereits da, das Ferkel wird fachgerecht vom Schlosser zerlegt, Bier und Sekt und Wein ist kostenlos, der Regen stört nicht weiter. Zumindest die Pfleger nicht, die es gewohnt sind, bei jedem Wetter draußen zu sein. Mich eh nicht. Die Bürotruppe drängelt sich um einem Klapptisch und friert.
Ich such mir jemanden, den ich etwas besser kenne, aber irgendwie kommt keine Stimmung auf. Das Fleisch ist köstlich, aber als Thema auch bald erledigt. Bei den Terrarienleuten kann ich noch ein bißchen mitreden, aber ich bleibe ein Fremdkörper hier, wo sich die meisten seit Jahrzehnten kennen. Und duzen, auch mit dem Chef.
Dann geht die Führung los. Wir teilen uns in zwei Gruppen, stapfen über die schlammige Baustelle und ich erfahre eine Fülle von Details über die Planung und den Bau der neuen Giraffenanlage, die zu August/September fertig sein wird. Wir sind ein Stadtzoo, ein kleiner Zoo also, dazu an jeder Ecke denkmalgeschützt, da ist nicht einfach bauen.
Nachbesserungen ist man aber gewöhnt, auch hängt vieles von den Tieren ab. Toll wird’s auf jeden Fall und die weitere Zukunft wird noch vieles bringen. Das Aquarium ist ja nun ein regelrechter Schandfleck, oder? Warte nur, balde. Was muss das für ein Gefühl sein, den Job so todsicher zu haben, dass man Jahre in die Zukunft sehen kann. Die Lehrlinge sind gar nicht so froh, erfahre ich. Sie werden wahrscheinlich nicht übernommen werden können und sie wollen nicht weg. Kann ich verstehen. Das ist wie eine Familie hier. Eine gute.
Ein wenig traurig stapfe ich zurück. Noch ein Stopp am Mangustengehege, innerhalb von zehn Minuten erfahre ich mehr Details als in zehn Stunden Zoofernsehen. Ach ja, es wird eine dritte Staffel der Dresdner Schnauzengeschichten geben. Na fein. Zurück auf die Festwiese, hier hat sich nun ein harter Kern gebildet, der lebhaft durcheinanderschwatzt. Die ersten verabschieden sich, ich nutze die Gelegenheit, ein Glas noch, ja. Dann ab, es ist noch nicht mal sieben. Hier ein Gruß, da noch einer, ich bedanke mich artig für die Einladung; wir fahren ja nach Berlin, na dann, machs gut, bis morgen wieder?
Klar, wie immer. Was ist ein „Schönes Wochenende?“
Remington - 17. Mai, 05:57

Nach vielen
btw: Wenn mein Mann zu mir "Mutti" sagt, bringe ICH ihn um, so schauts aus. :-)