Stampede

Feierabend im Zoo. Es regnet und die Besucher laufen in der Eingangshalle zögernd auf und ab und hin und her und zerren ihre plärrenden Blagen mit und schließlich rennen doch alle zur Bahn. Stille kehrt ein. Das Telefon ist umso deutlicher zu hören.

Zuerst ist offenbar ein Bulle dran. Ich meine, ein Polizist. Oder auch nur ein eifriger Bürger, der endlich mal das life erlebt, was er sonst nur auf einer Mattscheibe anglotzt. Aber ich bezweifle, dass er im Moment etwas anderes tut.

Im besten Unterklassejargon viertelsatzt er meinem Kollegen eine Meldung hin. "Kühe ausgebrochn....!! Hier sin Kühe ausgebrochn...!! Ich steh hier nähmn Dierarzt...!! Mir ham glei geen Betäubungsmiddel mähr...!! Is glei alle...! Sie ham dor...!!"

Ich würde gern mal genauer wissen, wann die Fähigkeit verlorengeht, einen vollständigen Satz von sich zu geben. Vielleicht war sie auch nie da, wer weiß. Betäubungsmittel haben wir, zumindest die Tierärztin. Die gerade im Urlaub ist, gerade eben losgefahren. Also verbinden wir aufs Mobilfon des heute zuständigen Kurators. Soll der das klären.

Der nächste Anruf, nur Minuten später.

"Hier spricht DOKTOR P", sülzt er und noch eine ganze Menge anderes. Hier habe ich nun den typischen Vertreter akademischer Arroganz am Rohr, der seinen Dünkel raushängen lässt wie ein Chow-Chow die Blauzunge. Er informiert in wohlgestelzten Worten, dass die Herde außer Kontrolle sei und er als Vertretung von Dr. Sonstwie berechtigt sei, uns aufzufordern, sofort und schnellstens das Dope rauszurücken, was er hiermit tue. Er wünsche mit dem Zuständigen verbunden zu werden. Was ich nun tue. Wortlos.

Vier Minuten später wieder DR! P. Ein Herr Doktor Gülle---Gülle---irgendwas werde uns aufsuchen, um das Dope in Empfang zu nehmen, wir sollten ihn in Empfang nehmen. Bisher weiß ich weder, wo die Kühe rumlaufen, noch was da eigentlich los ist. Der gute Doc scheint das zu spüren. Er informiert ungefragt, dass bereits ein Unfall geschehen sei, die Polizei vor Ort und dass zur Verhinderung von Schäden an Leib und Leben unsererseits eine dringende Verpflichtung vorliege...Und so weiter und so fort. Minutenlang.

Der nächste Anruf kommt vom Kurator. Er hat das Zeug und wenn Dr. Gülle-irgendwas eintrifft, sollen wir anrufen. Dass er selber einen Ausnahmezustand zu managen hat, weil die heute morgen gelieferte Giraffe in ihrem Gehege den Panikboogie steppt, sagt er nicht. Er stellt auch nicht die Frage, die mir auf der Zunge brennt, nämlich, was zu Hölle die Leute denn eigentlich gemacht haben, als es noch keine allseits verfügbaren Betäubungsmittel gab. Haben die etwa ihre Kühe einfach so irgendwohin getrieben? Ja, wie denn, was denn...Und Funktelefone gabs auch nicht...Aber Wichtigtuer, die gabs bestimmt.

Überflüssig zu erwähnen, dass weder das Dope abgeholt wurde noch sich irgendjemand wieder zu dem Vorfall gemeldet hat.
hühnerschreck (Gast) - 3. Jul, 10:39

vielleicht war das ja auch ein "superlustich-verarsche-telefon", denen Sie den "spaß" verdorben haben?

trotzdem nen schönen tag wünsch ich!

Remington - 3. Jul, 10:48

Nee, das Doktor ist bekannt. Zänkischer Komplexzwerg der Sorte, die gerne Kellner herumscheucht.
Der Dicke (Gast) - 3. Jul, 14:32

Ein akademischer Titel hat eben nichts mit gesundem Menschenverstand zu tun. Hätte der Herr einfach mal sein Gesäß in Bewegung und sich selber hinters Steuer seines Wagens gesetzt und wäre zum Zoo gefahren, anstatt rumzusülzen, hätte er womöglich arbeiten müssen. So konnte er interessiert zuschauen, wie überforderte Polizisten verzweifelt versuchen, eine ausgebrochene Herde Kühe einzufangen, während sie gleichzeitig gestörte Autofahrer davon abzubringen versuchen, in eben jene Herde hinein zu fahren. Auch'n interessanter Job, und vor allem sehr gut bezahlt. Die Lizenz zum Dummschwätzen ist dann nur das "Sahnehäubchen" an der Stelle.
Die Polizisten tun mir leid, die mussten wahrscheinlich am meisten einstecken bei der Aktion. Nicht für sowas ausgebildet und mangelhaft - zumindest dafür - ausgerüstet. Die hätten nichtmal die Leitkuh abschießen können, wenn die durchgegangen wäre. Zumindest trau ich einer Dienstpistole nicht die erforderliche Durchschlagskraft zu. Die panische Viertelsatzprosa sehe ich dem Guten unter diesem Umständen nach.

Remington - 4. Jul, 00:54

Wenn es ein Polizist war. Ich hatte schon genug mit der Staatsmacht zu tun und denke sagen zu können, dass sehr viele dort einen guten Job machen. Die Heinz-Monis dieser Gesellschaft verstecken sich, und können sich nur dort verstecken, wo konkrete Arbeit nicht anliegt bzw man sich erfolgreich um diese herumdrücken kann. Ich hatte auch lange den durch spezifische Erfahrung verfestigten Glauben, dass die zu große Nähe zu verkrusteten, weil eben von einer weit entfernten Verwaltung erlassenen Vorschriften, die nach diesen Vorschriften Handelnden allmählich zu stumpfen Trotteln machen würde, und das stimmt auch zum Teil. Aber eben nur zum Teil.

Der gesunde Menschenverstand ist eine Sache, die sich nur sehr schwer ausrotten lässt. Es gibt sehr viele vernünftige Menschen. Aber die Trottel richten eben Schaden an. Und bleiben deshalb länger in Erinnerung.

Der Witz daran ist, dass längerfristig natürlich die Frage auftaucht, woher vernünftiger Menschenverstand kommt. Und dann die Vermutung, dass die Quelle langsam versiegt.

Aber das Problem hatten wohl alle Generationen.
rebhuhn (Gast) - 4. Jul, 01:33

"Der gesunde Menschenverstand ist eine Sache, die sich nur sehr schwer ausrotten lässt."
hoffen wirs ^^. ich referenziere hier mal ganz unbefangen "dumm fickt gut". ..
pathologe - 5. Jul, 10:06

Gab

es noch eine Mitteilung in der Zeitung ueber den Vorfall, oder wurde da eher eine Kleinigkeit aufgebauscht?

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