Nimmerklug zieht in den Krieg

Die Maglite liegt locker auf meiner rechten Schulter, den Reflektor auf sein Gesicht gerichtet. Mit einem Fingerdruck kann ich ihn blenden, wenn ich muss. Die amerikanische Taschenlampe ist keine Waffe im Sinne des Gesetzes. Aber sie ist schwer und robust und wenn er nur einen falschen Schritt macht, hau´ ich ihm das Ding vor die Fresse.

"Du kennst auch jeden Slum der Stadt, was?", hat der Kollege gefragt, der mich von Freitag an als Revierfahrer einweist. Wir hocken drei Nächte lang in einem Smart zusammen, da kommt man sich automatisch näher, außerdem ist der Mann ein Schwatzmaul. Schon vor der ersten Fahrt tauchte die Niederlassungsleiterin auf, die ja die gleiche Eigenschaft hat und nach zehn Minuten Geschwalle an der Pförtnerloge gab ich auf und setzte mich ins Möppel, um in Ruhe zu lesen. Nach einer geschlagenen halben Stunde bereits tauchten die beiden wieder auf und lieferten sich weitere fünfzehn Minuten lang eine von ständigen Wiederholungen geprägte Abschiedsszene. Dann ging´s endlich los.

Ein Revierfahrer bekommt ein Fahrzeug unter den Arsch, eine Kiste voller Schlüssel, Transponder, Codekarten, einen Packen auszufüllender Formulare und Protokolle, ein Magnetlesegerät, genannt Strüffel, Taschenlampe, Funkgerät und dreitausend Verhaltensmaßregeln, die ich mir gar nicht erst merke. Der Kollege redet bis ins Stadtzentrum ohne Punkt und Komma. Ich sehe ihn mir an, wie er da unangeschnallt neben mir hockt, ein rosiger Feistling, der einen halben Kopf länger ist als ich und für mich doch nur ein kleiner Wohlstandsbürger wird, als er mir von seiner Eigentumswohnung erzählt, seine Frau und die Kinder kaum erwähnt, sich über die Vorzüge seines neuen Peugeot auslässt und erst verstummt, als ich seine Frage nach meinem Alter beantworte.

"Echt?", kommt es dann ungewohnt einsilbig. "Hätte ich nicht gedacht." Er versucht, sich zu fassen. "Siehst viel jünger aus." Und dann: "Ich bin auch Baujahr fümundsechzich." Was soll ich darauf sagen? Ist wohl doch was dran, dass die Ehe einen schlaucht.

Das erste Objekt ist eine kleine Plattenbausiedlung im Zentrum, überhaupt ist der Hauptauftraggeber des Unternehmens die städtische Wohnungsverwaltung. Es geht darum, Präsenz zu zeigen und die entsprechenden Leute davon abzuhalten, im Hof herumzuhängen, zu saufen und Krawall zu machen. Wir sollen auf die Einhaltung der Ruhezeiten drängen und Beschädigungen der Anlagen verhindern oder zumindest melden. Das größte dieser Objekte ist der Grund, warum wir zu zweit fahren. Dort hat sich eine Truppe von Jugendlichen festgesetzt und die Nachbarn beschweren sich über nächtliche Gröhlorgien und Bierflaschenscherben auf den Trottoirs und in den Treppenhäusern. Ich kenne die Gegend. Hab da mal gewohnt.

"Na bestens", sagt er. "Da kennste Dich ja aus." Sicher.

Im Radio läuft die Meldung, dass ein Mann mit einer Pistole herumgefuchtelt und sich dann in seiner Wohnung verschanzt hätte. Die Cops krachen durch die Tür, die Bude ist leer. Der Typ soll das Haus nicht verlassen haben, ist aber verschwunden. Ich muss lachen.

"Was denn, dort auch?" Ja, da war meine erste eigene Wohnung. Ein ofenbeheiztes Zweizimmerloch ohne Flur unter dem Dach. Und deshalb weiß ich auch, dass die Dachböden des gesamten Straßenzuges miteinander verbunden sind. Eine Hundertschaft Bullen könnte die Straße vielleicht überwachen. Zum Durchsuchen bräuchten sie dann noch ein paar Leute.

In der Neustadt sind auch zwei Objekte. Ein Hinterhof, in dem vor Monaten illegale Filmvorführungen liefen, richtig mit Eintritt und Bar und so. Von den Bewohnern selbst organisiert und ausgestattet, aber natürlich nicht ge-stattet. Die Nachbarn beschwerten sich über ruhestörenden Lärm.

"Das musst du gesehen haben, das ganze Haus ist praktisch offen, die schließen ihre Türen nie ab, laufend schlafen da alle möglichen Leuten und dann hängen die im Hof ab und kiffen und grillen und denen ihre Musik, alles Studenten und Rastas und sowas...Kannstu dir nich vorstellen..."

Kann ich. Ich kenne solche Häuser. Ein sehr guter Freund wohnt in so einem. Ich mag diese Art zu wohnen. Zu leben.

"Da gehste besser nich alleine rein..."

Blödmann.

Ich kriege Hunger auf einen Döner, weise den Kollegen ein und darauf hin, dass er im Hinterhof parken kann.

"Hier kennste Dich auch aus?"

Klar doch. Förstereistraße, ein Zimmer in einer Zweck-WG, immerhin sauber und mit DSL. Aber sauteuer und sozial gesehen kälter als der Nordpol. Bin da schnell wieder raus.

Er sagt nichts mehr, als wir das nächste Objekt angehen. Eine High-Tech-Firma mit sensorgesteuerten Zugangskontrollen an jeder zweiten Tür, Räume voller Server und CAD-Arbeitsplätzen. Ein Call-Center. Zwei Küchen, drei Personaltoiletten mit extra Waschräumen. Supernobel. Der Lift ist im Arsch.

Danach kommt der Strüffel zum Einsatz. Zwei Firmen im Südosten der Stadt, im Gelände verteilte Magnetstreifen müssen bestrüffelt werden, das Gerät piepst und blinkert bei jedem Kontakt. Watchman was here, dreimal pro Nacht. Von mir aus. Ist eh nur für die Versicherung.

Haarig wird´s bei den Alarmanlagen. Der Zugang zu den Schlüsseln und Plänen ist ungefähr so einfach wie eine Atomrakete zu starten. Codenummern und Schlüssel zu Schlüsselkästen und Safes und einbruchssicheren Räumen. Ein falscher Dreh, ein Rütteln an der falschen Tür und das Ding heult los, registriert, klingelt selbsttätig weit entfernte Bereitschaftsträger aus dem Schlaf. Ich schreibe mir die Prozedere auf. Für´s erste.

Und nun stehe ich hier, am Rand einer Gruppe Hardcorekids mit einem rauhstimmigen Enddreißiger als Anführer. Die Truppe ist angesoffen, aber mitnichten schlampig, stinkend oder unterbelichtet wie meine normale Klientel. Das hier ist eine soziale Eiterbeule, gefüllt mit Arbeitslosigkeit, Anspruchsdenken, Fernsehbildung und Gruppendynamik, gewürzt mit Dummheit und aus all dem resultierenden Frust, der die Blase bis zum Bersten unter Spannung setzt. Ich habe große Lust, das Ding anzustechen.

Viel dazu tun müsste ich nicht. Die Situation hat sich bereits hochgeschaukelt, schon die Ankündigung der Lage durch den rosigen Eigentumsbewohner hat mir klargemacht, wie es laufen wird. Ich habe ihn machen lassen, nicht einen Ton gesagt. Ich bin stinksauer.

Da hatte ich gedacht, mit Profis zu arbeiten. Mir einen kleinen Job an Land zu ziehen, der mich gerade genug über Wasser hält, damit ich mit meinen Manuskripten weiter komme. Statt dessen kriege ich wieder mal nur Pfusch geliefert und soll für gutbezahlte Bürohocker die Kastanien aus dem Feuer holen. Arschlöcher.

Wir haben das Hausrecht für die Wohnanlage übertragen bekommen, aber keine Legitimation. Die Bürger wollen ihre Ruhe und die Kids wollen Äktschn. Sehen sie ja jeden Tag im Fernsehen. Und nun stehen sich hier der Büttel und der Möchtegern gegenüber und blubbern sich voll und es wird immer lauter im Hof. Ziel erreicht, würde ich sagen. Jetzt weiß jeder, dass wir hier sind.

"Wo steht denn das?", ist der Ausdruck, den ich am häufigsten höre. Die Kontrahenten hauen sich Begriffe wie Hausrecht, Hausordnung, Städteordnung, Mietvertrag und Wegeordnung um die Ohren und ich bin sicher, keiner von beiden hat auch nur eine blasse Ahnung von den genauen Inhalten. Na toll.

Der Kollege droht jetzt mit der Polizei und ich muss ein Grinsen unterdrücken. Dynamo hat gerade vier zu eins gewonnen, im Stadion war die Hölle los und die Fans ziehen immer noch feiernd durch die Straßen. Außerdem reißt sich das zuständige Revier nun bestimmt kein Bein aus, um sich in den mit Ausländern vollgestopften Wohnblöcken vollkotzen zu lassen. Hier sind zur Abwechslung mal alle Keller miteinander verbunden, Lifts und Treppenhäuser bieten reichlich Fluchtraum, die Gebäude sind vierzehn Stockwerke hoch, die allgegenwärtigen Scherben sprechen eine deutliche Sprache und wenn man gleich ganze Kästen auskippt, muss man nicht mal zielen. Aber woher sollen das Leute wissen, die genug Gehalt kriegen für ein nettes Vorstadtreihenhaus.

Also grinse ich nicht, immerhin sind wir im Team hier, er ist der Wortführer. Ich bin auf halblinker Sicherungsposition und darf seine stotternde Autorität nicht untergraben. Sein Kontrahent ist ihm an Eloquenz überlegen, er nutzt geschickt die mangelnde Sachkenntnis und die nicht vorhandene Vorbereitung der Firma aus und ich werde immer wütender, aber nicht auf die Kids. Ich horche ganz tief in mich hinein und stelle fest, dass der Grund meiner Wut die Dummheit meiner Mitspieler ist. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn Menschen das Vakuum in ihrem Schädel als Resonanzraum benutzen.

Also schalte ich die Maglite ein. Blende den Anführer aus nächster Nähe ins Gesicht, leuchte ihn dann in aller Ruhe von oben bis unten ab. Eine eindeutige Provokation.

Er wird mich nicht anfallen, das weiß ich. Er ist ein Bluffer, ein Redner, ein Palavermensch, kein Fighter. Er würde sich vielleicht losreißen, wenn ich ihn anfasse, mehr nicht. Aus der Entfernung treten und werfen, was er in die Finger kriegt. Der typische Feigling. Deshalb hängt er auch als Oldie mit den Kids rum, die schauen zu ihm auf. Er braucht Publikum. Mit ein bißchen Geld könnte ich in drei Wochen einen prima Abgeordneten für die neue Linke aus ihm machen.

Die Klamotten trägt er beinahe schon, alles Markenware und sogar geschmackvoll. Teure Schuhe. Und eine Videokamera der besseren Sorte hängt unauffällig unter seinem Arm. Sieh an.

Er blubbert weiter, aber jetzt mit unsicherem Unterton. Er spürt meine Wut und bezieht sie automatisch auf sich, natürlich. Ich höre nicht mehr auf die Worte, in solchen Situationen läuft eine andere Kommunikation ab und die ist älter als der aufrechte Gang. Er sieht meine linke Hand am Gürtel, die schlagbereite Mag und er registriert instinktiv, dass ich zentimeterweise näher komme. Eine leichte Wendung zu seinen Jüngern, aber die haben alle leicht abgewandte und geduckte Körperhaltungen. Von dort ist keine Unterstützung zu erwarten. Er weicht zurück.

Der Kollege ergreift die Gelegenheit zu einem Abschlussblubber, der viele Ausrufungszeichen enthält und etwas lauter ist, dann tritt er den kontrollierten Rückzug an. Ich bleibe noch die entscheidenden drei Sekunden, die dem anderen zeigen sollen, dass ich es notfalls auch alleine mit ihm aufnehme. Noch einmal blende ich ihn, damit er mir nicht gleich hinterherspringen kann, dann gehe ich. Er hat die Hände oben und faselt was von Verletzung der Intimsphäre und Anwalt. Ich mache einen Bogen und bringe einen geparkten Wagen zwischen uns. Ich hoffe, mein Kopf ist nicht so rot, wie ich gerade sehe. Ich könnte brüllen vor Wut.

Der Rest der Nacht geht unter in den sich laufend wiederholenden Schilderungen unserer "Heldentat", die der Kollege per Funkgerät und Telefon und persönlich jedem Beteiligten, den er greifen kann, unter die Nase reibt. Pläne werden gemacht, Forderungen formuliert, der nächste Kreuzzug beschworen. Wir brauchen, wir müssen, wir machen. Jaja. Bla.

Der Hit kommt am nächsten Tag, als mich die Niederlassungsleiterin zu Mittag aus dem Schlaf klingelt. Sie will noch mal meine Sicht auf die Dinge und ich halte das Handy weit vom Ohr weg, während sie mit grauenhaften Formulierungen vor sich hin schwallt. Dann platzt mir der Kragen.

"Das ist alles nichts als unprofessioneller Qatsch! Zwei Mann mit Hund jeden Tag acht Stunden ständig vor Ort ist das Einzige, was Ruhe schaffen würde. Und das auch nicht sofort, sondern erst nach Wochen. Außerdem müssten die Keller und Hinterhöfe beräumt werden, wer auf einer Müllhalde wohnt, benimmt sich auch wie Müll. Drittens brauchen die Wachdienste eine Legitimation und genaue Kenntnisse der anzuwendenden Gesetze, ebenso der zwischen Mieter und Vermieter getroffenen vertraglichen Vereinbarungen. Das ist das Mindeste."

Sie schweigt. Was sie denkt, ist mir scheißegal. Druckmittel hat sie nicht. Die Firma hat mir noch keinen Cent bezahlt.

"Na, aber die Woba...", höre ich dann und während des Sechsminutenschwalls über Kosten und Konferenzen gehe ich aufs Klo. Die Spülung stoppt ihren Sermon. Jetzt fragt sie mich doch tatsächlich, wo sie die entsprechenden Gesetze herkriegt. Nicht zu fassen.

Ich sage ihr, dass sie zur Polizei gehen soll. Das sind die Fachleute, dort dürfte sie auch Unterstützung bekommen. Dann soll sie der Wohnverwaltung auf die Nüsse gehen, in jedem Hauseingang müssen die Forderungen aushängen, die wir durchsetzen sollen. Dann muss jeder Kollege eine Legitimation haben, sowas nennt sich Dienstanweisung. Klipp und klar formuliert, punktum. Ich bin schon wieder wütend.

"Könntensiedennvielleicht...?" Was? Ich? Ich bin Pauschaler. Seit einem Monat im Unternehmen. Und noch nicht mal bezahlt worden. Will die mich verarschen?

Muttis gute Erziehung verhindert schlimmeres. Ich bringe es fertig, sie zu vertrösten. Und ich werd´ ihr auch ein paar Schreiben aufsetzen, die sie dann rumschicken kann. Immerhin bin ich sowohl Wachmann vor Ort als auch Mieter gewesen. Prompt will sie mich zur nächsten Konferenz mit dem Auftraggeber mitschleifen. Konferenz. In einem von diesen spanplattenbemöbelten Dreckscheibenbüros. Im Kreise von papiersortierenden KugelschreiberschwenkerInnen auf Breitärschen. Oh nein.

Zum Glück ist der Akku runter. Sie will wieder anrufen. Ich glaub, mein Ladegerät ist gerade verschwunden.
Sladade (Gast) - 30. Aug, 21:06

1. Sehr gut geschrieben!!!!!! Und das wirst du von mir nicht oft hören.
2. Fast alles richtig!!!! Wirst du von mir auch nicht oft hören.(Eigentlich war ja alles richtig)
3. Ettore: Ja so sieht es hier noch aus! Aber trotzdem lebt man gerne hier.
4. Remington: Nie wider was gegen rosige Leute, welche in den 60ern geboren sind und dazu noch Stinos sind. Weil: Das bin ich auch. Und ich hoffe ich sehe noch jünger oder wenigstens nicht älter als 37 aus.
Und diesmal war der "Erguß" richtig gut!!! Weiter so
Schmatz

Remington - 30. Aug, 21:53

Ob Dein Erguss gut war oder nicht ist ein wenig mehr Information, als ich mir gewünscht hätte...Glückwunsch an Deine Frau.
Sladade (Gast) - 31. Aug, 09:11

Ich werde es das nächste Mal berücksichtigen, und meine Wortwahl ein wenig anders wählen, damit du nicht in Zweifel ob meiner Gedanken kommst!!! Grg
Warst du schon bei Jan zwecks Bartkratz?
Remington - 31. Aug, 13:24

Nein.
miss_kinky - 31. Aug, 07:59

Jetzt isse glücklich. Endlich mal einer, der die Sache in die Hand nimmt. Obwohl auch hier einer kommen wird, für den das zuviel Einsatz ist. Mehr als gebucht zumindest, schließlich machst du Mehrarbeit.

Remington - 31. Aug, 13:20

Von wegen. Erstens bin ich nicht blöd genug, die Arbeit anderer zu machen, wenn ich noch nicht mal für den regulären Job bezahlt worden bin und zweitens scheitert doch alles wieder am Geld. Hab grad ´ne neue Dienstanweisung für September bekommen, jetzt soll immer einer von den Pauschalen gegen 21 Uhr in die Stadt gedackelt kommen, sich dort mit dem Revierfahrer treffen und im Hinterhof DuDu machen. Und dann wieder abdackeln, zwei Mann für die ganze Nacht sind zu teuer. Schwachsinn das. Und genau das regt mich so auf, ein Profi macht entweder ordentliche Arbeit oder lehnt den Auftrag ab. Für Pfeifendeckel zu arbeiten ist demütigend.
miss_kinky - 31. Aug, 21:28

Jo, das klingt ziemlich nervtötend. Immer gern und vorrätig: Vergeudung aller Energien durch umständliches Palaver und fruchtlose Diskussionen.
Toitoitoi beim Aufstand.

Trackback URL:
http://remington.twoday.net/stories/938578/modTrackback